35. Ewiger, hochgepriesener, einziger Gott!—O! wie könnte ich heute deinen heiligen Namen aussprechen, ohne dir zugleich dafür zu danken, daß du den Menschenkindern dich offenbart und deinen heiligen Willen ihnen kund getan hast. Du hast ja zu ewigem Angedenken daran dieses Fest der Gesetzgebung und der Offenbarung eingesetzt! Deine größte Liebe gegen die Sterblichen zeigtest du an jenem Tage, da du uns deinen väterlichen Willen kund getan, da du das Himmlische dem Geschlechte der Erde offenbartest, daß wir es erkennen und des himmlischen Reiches teilhaftig werden. Auch ich bin dazu berufen und kann zu den Glücklichen und Seligen gezählt werden; auch für mich hast du deine Worte verkündet. Ja, ihre Herrlichkeit leuchtet der ganzen Welt; obschon unbewußt lebt, und atmet sie in derselben, und würde sie ohne dein ewigstrahlendes Licht in Finsternis eingehüllt sein. So soll denn der Unglauben eben so wenig wie der Aberglauben Herrschaft über mich gewinnen. Aber ach! wenn ich mich im Lichte deines geoffenbarten Wortes prüfe, muß ich da nicht beschämt bekennen, daß es in mir oft verdunkelt worden und nicht in voller Kraft in all meinem Denken und Tun widerstrahlte? Nahm ich nicht oft den Schein für die Wahrheit und Menschenklugheit und Blendwerk oder meine eigenen törichten Meinungen für Gotteserkenntnis, und Vorurteil für Überzeugung?—War ich wohl fest in deinem Gesetze zu allen Zeiten, daß es mit Flammenschrift auf den Tafeln meines Herzens eingeschrieben stand als ein ewiges Bundeszeugnis, als ein Zeugnis meiner Treue und meines Strebens, dich und deinen Willen immer klarer zu erkennen? War ich nicht zuweilen hartnäckig und rühmte mich da der Festigkeit, oder hielt ich nicht zuweilen die Zweifel, die sich in meiner Brust erhoben und das Schwanken meines Geistes für Fortschritt? Darum bitte ich dich, du,»dessen Wort ewig ist, dessen Wahrheit fest steht von Geschlecht zu Geschlecht«, o, leite meine Schritte auf die Bahn deines Wortes, daß ich nie davon weiche, weder zur Rechten noch zur Linken, und laß nicht die Sünde und das Verderben Macht über mich gewinnen! Laß mich erkennen, da߻der Mensch nicht vom Brote allein lebt, sondern von allem dem, was aus deinem Munde kommt«,[28] und wecke in mir ein beständiges Verlangen nach diesem Lebensbrot, daß deine Zeugnisse mein ewiges Erbteil seien, meines Herzens wahre Freude, meiner Seele Seligkeit.

Amen!

36. Heute, da ich der höchsten und heiligsten Gabe gedenke, mit welcher du, mein Gott, vom Sinai aus deine Menschenkinder begnadigt hast,—wie danke ich dir da, daß ich Israels Glauben bekenne! Wie hilflos und verlassen würde ich sein, wollte ich Licht und Leitung bei den Weisen der Welt suchen, die so oft einander widersprechen, und von denen der eine niederreißt, was der andere als ein unerschütterliches Gebäude aufgerichtet. Ja, ich danke dir, mein Gott, daß ich ein Israelit bin, und ich die heiligen Stammväter und alle Propheten, die du mit deinem heiligen Geiste erfülltest, zu Leitsternen für mich auf meiner Bahn habe, und daß du auch für mich das Wort leuchten ließest, welches du selbst in deiner Gnade kund getan hast, das Wort, das felsenfest allen Stürmen der Zeit Widerstand geleistet, und das der Spott der Leichtsinnigen, die Geringschätzung der Weltlichgesinnten nicht zu erschüttern vermocht hat. Ja, wohl muß ich meines Glaubens wegen zuweilen Kummer und Beschwerden erdulden, und wo ich als ernster Israelit nach deinem Gesetze und deiner Lehre wandern will, da werde ich oft von außen und von innen von Feinden bedrängt;»denn die, welche an deinem Worte festhalten und in seinem reinen Geiste wandern, müssen oft unter Kedars Hütten wohnen, unter denen, die den himmlischen Frieden hassen.« Aber du läßt mich die Wahrheit deiner himmlischen Lehre erkennen, und nicht weltliche Freuden und nicht irdische Bande sind es, die mich an sie binden; denn du hast sie als Preis für mannigfältige Kämpfe gegeben, und gerade unter diesen soll sie ihre Gotteskraft beweisen. O, so stärke mich denn, wie du unsere Vorfahren gestärkt, daß ich dieses Kleinod wie meinen Augapfel bewahre und es auf die kommenden Geschlechter vererbe. Laß seine Herrlichkeit immer mehr mir strahlen, und laß mich darin unablässig für mich und für alle die Meinigen Leben und Licht, Trost und Frieden finden.

Amen!


Am Neujahrsfest (Rosch Haschana).


Am Vorabend des Festes.

37. Herr, unveränderlicher, ewiglebender Gott! sieh gnadenvoll nieder auf dein Kind, das kaum sich aufrecht zu erhalten vermag unter den wechselnden Gefühlen, die es an diesem heiligen Abend überwältigen, der das hingeschwundene Jahr von dem neuen trennt, welches sich aufzurollen beginnt. Denn erscheine ich mir doch fast selbst ein Wunder, wenn ich mir alles in Erinnerung zurückrufe, was mir in dem dahingeschwundenen Jahre widerfahren und begegnet: Freuden und Sorgen, Erquickungen und Bekümmernisse, Leiden und Momente des Glücks. Ja, jede Stunde, jeder Augenblick gab das Zeugnis, daß du mich auf den Armen deiner Liebe trägst, daß deine Huld mich umschwebt. Und ach! wie wenig habe ich all dieser Güte entsprochen, wie oft verzagte ich, und wie oft strauchelte ich! Und sehe ich hin auf die vielen Wünsche und Erwartungen, die sich nun in meiner Brust regen, und die ich nun vor dir für die kommende Zeit aussprechen will, o Herr und Vater, wo soll ich da beginnen und wo enden? O du, der du den Gedanken kennst, ehe er noch ausgesprochen wird, du weißt ja, wessen ich bedarf, und was zu meinem Wohle und dem Wohle der Meinen dienen kann. Darum empfehle ich mich deinem gnädigen Schutze und bitte nur um dieses: laß mich mit dem hingeschwundenen Jahre auch aller meiner Sünden ledig werden, und laß für mich ein Jahr beginnen, welches in Wahrheit ein neues ist, ein Jahr, in welchem ich mehr und mehr deine Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe erkenne, ein Jahr, das von Anfang bis zum Ende Zeugnis gebe von meinem eifrigen Streben, dir zu gefallen, und von meiner Hingebung an deine väterliche Leitung. Und so will ich denn getrost das neue Jahr antreten, denn ich weiß, daß du, Allgütiger, mir nahe bist, und daß du mein Gebet erhörest.