»Du machst des Listigen Anschläge zu schanden, so daß sie keine Macht haben, ihre Absicht auszuführen, du fängst die Boshaften in ihrer eigenen Tücke und vereitelst die Pläne des Bösen.«[56] So errettetest du ja unsere Väter von Tod und Verderben, als der Mächtige die Unschuldigen anklagte und in gekränktem Hochmut einen Plan schmiedete, deine Treuen aus dem Lande zu vertilgen. Du, Israels Schirmherr, der niemals schlummert und niemals schläft, du ließest die Ruhe das Lager jenes Königs fliehen, du öffnetest sein Auge, den Anschlag des Verräters zu erkennen; ja du hattest schon zuvor das Mittel zur Errettung Israels bereit, jene fromme Seele, die ihr Leben opfern wollte, für das Heil ihres Volkes! So wurde selbst das schlimme Los uns zu Glück und Ehre, du ließest es zu Israels Rettung und Wohl fallen, und »die Sorge ward in Glück, der Kummer verwandelt in Freude.«—O, weshalb erschrecke ich da, wenn schlimme Nachricht mein Ohr erreicht, weshalb erbeben die Menschen, wenn von Ruchlosen Pläne gegen ihr Wohl geschmiedet werden? Du regierst ja alles, du lenkst jeden Anschlag zu seinem Ausgang und löst die Verwickelungen des Lebens, und die Schandtat des Bösen muß ebenso gut meinem Wohle dienen, als die Segnungen der Edlen und Frommen. So werde meine Seele denn froh in dir, und Freude umgebe mich diesen Tag. So weit ich vermag, will ich den Unterdrückten auch selber helfen, und meine Freude mir dadurch erhöhen, ich will mit meinen Gaben manchen Armen unterstützen, und mein Hallelujah soll den ganzen Tag vor dir erschallen.

Amen!

53. Mein Gott! Mein Mund vermag nicht all den Dank und all die Freude auszudrücken, die mein Herz fühlt, so oft dieser Tag der Errettung wiederkehrt.»Wenn du nicht mit uns gewesen wärest, als die Menschen sich wider uns erhoben, so hätten die Gottlosen uns in ihrem Zorn verschlungen. Ihr Glück würde dann wie die Wellen in rasendem Sturm uns überflutet haben. Dir sei Lob und Preis, o Gott, der uns nicht zu einem Raub ihrer Zähne werden ließ. Wir entgingen unsern Verfolgern; denn unsere Hilfe ruht in dem Namen des Allmächtigen, der Himmel und Erde erschaffen hat.«[57]—Zu allen Zeiten und überall hast du, unser Vater, uns beschirmt; und dieser Tag ruft uns nicht nur den Sieg Israels über Haman ins Gedächtnis, sondern alle die Ereignisse, da deine Vorsehung unsere Väter errettet hat, da du ihre Betrübnis in Jubel, den Ruf ihrer Angst und ihres Schmerzes in Tränen der Freude und der Dankbarkeit verwandelt hast. Ja sicherlich, Herr unser Gott, Israel ist ein lebendes Zeugnis deiner ewigen Treue:»Die, welche auf dich hoffen, sollen niemals zu schanden werden.« Israel wurde verachtet und gedemütigt, aber sein Vertrauen auf dich war stärker als seine Leiden, und du hattest Mitleid mit seinem Schmerze; hellere und freundlichere Tage sind ja gefolgt auf die Zeit des Hasses und der Verfolgung. Allvaters Stimme hat den Geist aller seiner Kinder durchdrungen, ihre Herzen erreicht, und Israel findet überall unter den Nachkommen seiner Unterdrücker nunmehr Brüder. Ja, die Erinnerung an das, was unsere Väter gelitten haben, erhöht in unsern Herzen nur die Freude über unser Vaterland, das all unsere Wunden geheilt hat, all unsere Schmach getilgt und unserm Glauben seine Freiheit und seinen Glanz zurückgegeben hat. Gelobt seiest du, unser Gott, unser Erretter! O, daß doch das Bewußtsein all der Freuden, die wir in diesem unsern Geburtslande genießen, unsere Herzen zu brüderlicher und liebevoller Gesinnung gegen alle Menschen, unsere Brüder, erwecken möchte!—Sei gelobt, du Ewiger, unser Gott, für all die Wunder, welche du an unsern Vätern vollführt hast und für den ewigen Schutz, den du ihren Kindern angedeihen läßt.

Amen!


Am Tage der Zerstörung des Tempels (Tischoh b'ab).

54. O du, dessen Liebe ohne Ende ist und dessen Barmherzigkeit ohne Grenzen, heute werde ich erinnert an die Stunde,»da du Israels Schmuck vom Himmel zur Erde stürztest und am Tage der Heimsuchung den Schemel deiner Füße nicht achtetest,«[58] und meine Bitte wird von Wehmut erfüllt, und Sorgen erfassen mein Herz. Wie könnte es auch anders sein? Ist nicht das gerade das Große und Erhabene der heiligen Gedächtnistage meines Glaubens, daß ich nicht nur die glücklichen Zeiten, die Tage der Errettung, des Sieges und der Freude mir vor die Seele rufen soll, sondern auch jene, die ein trauriges Zeugnis für die Sünde und den Abfall der Väter ablegen, wie sie es selbst verschuldeten, daß du nicht einmal dein Heiligtum schontest, welches über alle Ebenen der Welt sein Licht verbreiten sollte, da߻Zion, von wo die Thora ausgehen sollte, wie ein Acker gepflügt wird, und daß Jerusalem, die Stätte, welche zur Verkündigung deines Namens geheiligt war, zu einem Steinhaufen wurde.«[59] Mit Sorgen stimme ich in die Klage des Propheten ein:»Unsere Väter haben gesündigt und sind nicht mehr, und wir tragen ihre Sünde.«[60] Sie hörten nicht auf den Ruf deiner Gnade, und vergebens zeigtest du ihnen deine Langmut; ja, sie gruben sich mit eigner Hand ihr Grab, indem sie gegen einander wüteten und sich durch eigenen Streit in die Hände ihrer Feinde gaben. Da wurde der heilige Bau zerschmettert und zermalmte in seinem Falle alle, die ihm anhingen. Ach Herr! Bitterlich weine ich über diesen Fall, und um so bitterer, weil die Sünden der damaligen Zeit noch immer unter uns herrschen. Aber »je mehr ich mir das Innerliche zu Herzen nehme, um so fester ist auch meine Hoffnung,«[61] und je tiefer meine Sorge ist, um so gewisser ist auch mein Vertrauen auf dich und deinen Trost. Ja, so gewiß, wie jenes Gotteswort in Erfüllung ging, welches dem sündigen Volke seinen Untergang verkündigte, und daß die Tage des Zornes kommen sollten, so gewiß wird auch jene Zeit erscheinen, wo es wieder zu Gnaden aufgenommen wird und sich erfüllt, was der Prophet verkündet:»Und in den letzten Tagen soll es geschehen, da soll der Tempelberg des Herrn über alle Höhen erhoben werden, und alle Völker sollen dahin strömen und sagen: Kommet! laßt uns hinaufziehen zu dem Herrn, zum Hause des Gottes Jakobs, auf daß er uns seine Wege lehre, daß wir in seinen Fußtapfen wandern mögen, und Freude soll über alle sich verbreiten, die in Sorgen leben ob seines Falles.«[62] Ewiger! stärke du mich in dieser meiner Hoffnung und laß mein Leben ein Zeugnis davon sein, daß ich Wahrheit und Frieden liebe.

Amen!


Schlußgebet beim Gottesdienste (Olenu).