Der letzte Tag in dieser Woche nähert sich seinem Ende und wieder schließt mit ihm ein Abschnitt meines Lebens ab, in dem ich deine Güte erfahren habe, du, mein Schöpfer, während ich meiner häuslichen Tätigkeit oblag. Die heilige Stunde ist nahe, mit welcher der Sabbat beginnt, der dazu da ist und da sein soll, eine heilige Ruhe in dir zu suchen und zu finden, indem ich auf das hinblicke, was du für mich vollführst hast, und indem ich prüfe, was ich vollbracht, und mit welcher Gesinnung ich gehandelt habe.

O, schaue ich hin auf deine Liebe und Güte gegen mich in den sechs verflogenen Tagen, wie kann ich da Worte finden dir zu danken, der du wiederum das Werk der Schöpfung vor meinen Augen erneuert hast, der du am Tage deine Gnade über mich ausströmen und mich bei Nacht in deinem Schatten weilen ließest und der du mich mit so unendlich vielen Gnadenbeweisen, Wohltaten und Segnungen überschüttest hast, daß ich sie nicht zu zählen vermag! Du hast dich über mich erbarmt, mich jeden Tag zu meiner Tätigkeit gestärkt und hast mich durch so vieles erfreut; Du warst in trüben Stunden meine Kraft und mein Schild und du hieltest mich aufrecht im Unglück. O Herr! Ich bin nicht wert so großer Güte; denn gedenke ich meiner Aufgabe, die mir in diesen Tagen der Arbeit zu vollführen auferlegt war,—ach, wie oft war ich da nicht schlaff und nachlässig; wie oft vergaß ich nicht in meiner Tätigkeit zu dir aufzuschauen, zu wirken und zu schaffen, wie einer, der sich in deinem Dienste fühlt, der bei all seinem Tun dich stets vor Augen hat, daß er den rechten Weg nicht verliere und dir wohlgefalle. Ich weiß, daß ich leben soll, um das Wohl meiner Mitmenschen zu fördern und mit liebevollem Sinne ihnen Wohltaten zu erweisen; ach, und ich erkenne wie viel eigennützige und eitle Zwecke mich noch gebunden halten. Als Israelitin soll ich, was auch mein Beruf sei, beweisen, daß ich von einem Glauben beseelt bin, der voll Ergebung und Geduld ist, und deshalb ein Leben führen, das allen denen, die mir nahe stehen, heilbringend sei,—aber wie wenig schwebte solch ein Ziel mir bei all meinem Wirken vor!

Wohl habe ich in der vergangenen Woche Zeit gefunden zu allem, was mein Herz begehrte, aber habe nicht, so wie ich sollte, mich bestrebt, mich als ein Glied der Genossenschaft zu beweisen, welche dein offenbartes Wort bewahren und das Licht, das göttliche Licht, der Welt leuchtend erhalten soll, und wenn ich auch einige flüchtige Augenblicke dazu anwandte, so konnte das doch nur wenig bedeuten für den, welchem die Sorge für die Bedürfnisse des Lebens keine Zeit lassen, frei zu atmen und an deine heiligen Wahrheiten zu denken. O Herr, deshalb bete ich zu dir: laß den heiligen Sabbat mir anbrechen, daß er meiner Seele Frieden bringe, auf daß ich deine unendliche Güte erkennen möge und aufs neue zu allem Guten erglühen und dazu beseelt werden möge, im Verein mit deinen wahren Anbetern dir zu dienen, den Glauben zu pflegen, zu fördern, was der Gesamtheit zum besten dient, mich allem fern zu halten, was den Israeliten entheiligt und mit neuer Lust aus der Quelle des Lebens zu schöpfen, in deinem Wort zu forschen, daß es mich in deiner Wahrheit stärke und wie eine reine Flamme voller Klarheit über die Erde leuchte und mich auf meinem Pilgerwege begleite, bis ich es in Herrlichkeit aufleuchten sehe, wenn die ewige Sabbatruhe kommt, wo seliger Friede und himmlische Ruhe mich bei dir erwarten!

Amen!


XXVII. Betrachtung zum Mussaphgebet.

(Das Nachfolgende ist ein Abschnitt aus dem Talmud (Tractat Kritôth), welches die Art und Weise behandelt, in der das Rauchopfer zubereitet wird. Anstatt einer wortgetreuen Übersetzung wird folgendes Gebet gegeben).

Pittum hak'tôres.

So nähert sich denn die Zeit des Verweilens in deinem Hause ihrem Ende, und die angeordneten Gebete haben wir verrichtet; aber ach, wie mancher Augenblick weckte nicht einen Gedanken in uns, der wider den Geist des wahren Gebetes stritt! Wie oft regten sich nicht sündige Gefühle in unserer Brust; wie oft störten wir durch unser Benehmen nicht die Andacht anderer, wie oft wankten wir nicht beim Gebet im Glauben an Erhörung; wie oft ärgerten wir uns nicht über die Herrlichkeit und den Glanz der Gottlosen und ließen den Nächsten, ließen den Abgefallenen aus unserm Gebete ausgeschlossen sein, so daß unsere Anbetung dir nicht zum Wohlgefallen sein konnte! Deshalb, o Allerbarmer, wollen wir des Rauchopfers gedenken, das vormals im Heiligtum dir zu einem wohlgefälligen Dufte dargebracht wurde, auf daß es alles Widerliche vom Opfer entferne. Wir wollen uns an die vier Hauptbestandteile des Räucherwerks erinnern, daß jede Andachtsträne, die heute floß, wie ein Balsamtropfen sein, jeden bekümmerten Sinn heilen und von wahrer und innerlicher Buße hervorgerufen sein möge; daß des Herzens harte Schale zermalmt werde, und wir keinen Zweifel nähren mögen, daß du das Gebet eines zerknirschten Herzens[102] nicht verachtest. Und wir wollen uns erinnern, daß man dem Weihrauch auch Galban, eine Substanz von unangenehmen Geruch, zusetzte, eine Erinnerung für uns daran, daß du selbst die Tiefgefallenen erhörst, welche bereuend ihre Gebete in das Gebet der Gemeinde mischen, ja eine Erinnerung daran, daß unsere eigene, fromme Erbauung[103] dadurch vermehrt wird, wenn wir diese in unser Gebet einschließen, wenn wir uns selbst zu ihnen rechnen und in Demut deinen Namen anflehen; eine Versicherung, daß wenn wir auch eine Stunde vergaßen, daß wir vor dir stehen und andachtslos hier weilten, du uns doch vergeben willst, wenn wir mit heiligem Sinne kommen und unsere Gebete wie Weihrauch zu dir aufsteigen lassen, und wenn wir noch zum Schluß recht innig unsern Geist zu dir erheben. O, Allheiliger, erhöre uns und laß unser Gebet vor dir wie ein Rauchopfer ein.[104]