Denn das tägliche Opfer wurde ja im Namen der ganzen israelitischen Gemeinde gebracht und sollte dazu dienen, was man so oft vergißt, für all das Gute zu danken, das beständig in so reicher Fülle dem Menschen zuteil wird; dir dafür zu danken, daß du über ihn in der Nacht wachtest und ihm neues Leben schenktest, wenn des Morgens Licht ihn auf seinem Lager weckte, und daß du ihn den ganzen Tag alles finden läßt, dessen er bedarf. Dieses Opfer sollte in Israels Heiligtum ein Lamm sein, das dir als Dankopfer dargebracht wurde, der du durch den Schlummer der Nacht alle gestärkt, und wiederum am Abend, wenn es dunkelt als Dankopfer für den glücklich verlebten Tag.

Und es war begleitet von einem Speiseopfer, wohl um für das Brot zu danken, welches der Mensch wiederum gefunden hatte, für Kraft und Schönheit des Körpers, was durch das Öl bezeichnet wurde, für die Gabe und den Vorzug des Geistes, was bildlich der Wein andeutete. So will auch ich, o Herr, jeden Morgen und jeden Abend deiner Wundertaten eingedenk sein und dir danken, weil du meinen Geist und meinen Körper erhältst, so will auch ich dir für alle zeitlichen Güter, die du mir verleihst, für die Sonne, welche ihre Strahlen auf meinen Weg sendet, für den erquickenden Schatten der Nacht, wie für das himmlische Licht, das Wort des Lebens, welches du mir gegeben hast, das Dankopfer meines Gebets darbringen.

Aber das tägliche Opfer war ja auch ein Sühnopfer, welches täglich für die Gesamtheit Israels, wie für den Einzelnen, dargebracht werden sollte, nicht offenbare Vergehungen, sondern für diejenigen, deren der Mensch sich schuldig macht, ohne daß er sie sich zur Sünde anrechnet, und so sollte täglich das Bewußtsein der Sünde in der Brust des Israeliten geweckt werden. Dein, o Herr! ist der Tag und dein, o Herr! ist die Nacht, und beständig sollen wir dich vor Augen haben; unsere Arbeit wie unsere Ruhe soll von dem Gedanken an dich begleitet sein. Aber, wenn der Schlummer der Nacht uns in seine Arme schließen will, bevor der Schlaf unsere Sinne und Gedanken gebunden hält, da denken wir nicht an dich, da benutzen wir die ruhigen Augenblicke nicht dazu, dich zu erkennen und zu suchen; und in des Tages geschäftigem Treiben richten sich nicht die Gedanken auf dich, und wir vergessen es, deiner zu gedenken. Deshalb soll am Morgen ein Opfer gebracht werden für die Sünde der Nacht und am Abend für des Tages Sünde. Aber außerdem kann die ganze Gemeinde auch dem nicht entgehen, daß sie beständig sündigt, und jede einzelne Seele ist mitschuldig der Sündenschuld der großen Gesamtheit, und wer sich für unschuldig hält wie ein Lamm, ist sündig. Aber was ehemals das tägliche Opfer für mich wirkte, das soll jetzt durch mein tägliches Gebet erreicht werden, daß ich nicht in Leichtsinn wandeln möge, sondern das Bewußtsein der Sünde in mir wecke, die Erkenntnis dessen, wie weit meine Gedanken und Handlungen, meine Arbeit und meine Ruhe, im Großen wie im Kleinen von der Pflicht Israels abweichen, sodaß ich jeden Morgen und jeden Abend aufs neue geheiligt werde und den Vorsatz fasse, deinem Dienste zu leben, o Herr! ob ich nun meinen Erwerb mir suche, oder danach trachte, meines Hauses oder meines Namens Ansehen zu erweitern, oder ob ich in Freude und Frohsinn weile, wo der Wein des Menschen Herz erfreut.

Und endlich sollte das tägliche Opfer von Beständigkeit im Glauben und in Gottergebenheit ein Zeugnis sein, und jeden Morgen und jeden Abend sollten Israels Kinder die Lebendigkeit dieses Glaubens zu erkennen geben, ob nun das Glück ihnen zulächelte oder ob Unglück sie in das Dunkel der Nacht hüllte. Ebenso will auch ich es früh und spät an den Tag legen, daß, welches Schicksal du mir auch sendest, ich stets mit Vertrauen mich dir nähern will und es soll stets nach Vorschrift am Morgen und am Abend geschehen; und indem ich mich an die heilige Ordnung binde, will ich den Geist des Gebetes in mir wecken und bewahren. Denn wenn auch die Pflicht zu beten, das Opfer des Herzens darzubringen, nicht an Ort oder Zeit gebunden ist, sondern wir stets und überall beten sollen, so oft wir uns dazu gedrungen fühlen, so sollen wir doch zu den festgesetzten Zeiten beten, wenn auch unser Herz uns nicht dazu drängt, weil wir sonst in dem Gewirre der Welt vielleicht niemals dazu veranlaßt würden. Aber gerade durch das tägliche Gebet, dadurch, daß wir mit aller Kraft unseres Willens darnach streben, von dem Geiste des Gebetes durchdrungen zu werden, sollen wir die Unlust zum Gebete überwinden, die Hindernisse besiegen, welche sich zwischen dich und uns stellen, o Gott, und den Geist der Welt ertöten, der uns den höchsten Schatz unserer Seele rauben will,—die Anbetung deines Wesens.

So will ich denn dir mein tägliches Opfer darbringen, mein Gott, will meinen Willen dir ergeben, will jeden Morgen meinen Dank zu dir aufsteigen lassen und mich deiner Leitung anvertrauen und mich jeden Abend sorglos deiner Führung hingeben. Ich will Kränkungen ertragen, will das Schlechte nicht vergelten, das mir zugefügt wird, will um deinen Schutz bitten für alle, die auf Erden wandeln, will darnach streben von jeder sündigen Lust mich zu reinigen, will fest in meinem Glauben verharren, und will, wenn auch die Menge der Versuchungen mich umringt, wie manchen Kampf ich auch zu bestehen habe, meine Standhaftigkeit als Israelit zeigen, der nicht nach dem Lohne und der Ehre der Welt trachtet, sondern allein darnach strebt, dir wohlzugefallen und der gewiß ist, daß du den errettest, der dir beständig dient.[101]


XXVI. Freitagabendbetrachtung.


Bame madlikin.

(Eine Betrachtung anstatt der Übersetzung.)