Ich darf nicht Zeit und Platz vergeuden, indem ich die eigenartigen Formen der Pflanzen und Tiere auf dem Mars beschreibe, noch die reine und durchsichtige Atmosphäre, die zwar äußerst dünn, aber dennoch voller Sauerstoff ist, noch den tiefen, dunklen, grünlichen Himmel, mit der mageren Sonne und den winzigen Monden, mit dem doppelt so hellen Abend- und Morgenstern – der Venus und der Erde. Alldies, damals seltsam und fremdartig, deucht mich heute, durch die Erinnerung verklärt, schön und teuer. Aber es stand mit der Aufgabe meiner Sendung nur in losem Zusammenhang. Die Menschen, die Verhältnisse, in denen sie lebten, dies war für mich wichtig, und sie waren selbst in dieser märchenhaften Umgebung das Allerphantastischste, das Allerrätselhafteste.
Menni wohnte in einem nicht sonderlich großen zweistöckigen Haus, das sich der Architektur nach nicht von den übrigen Gebäuden unterschied. Der originellste Zug dieser Architektur bestand in dem durchsichtigen, aus riesenhaften himmelblauen Platten gebildeten Dach. Unter diesem Dach befanden sich die Schlaf- und Wohnzimmer. Die Marsbewohner verbrachten ihre Mußestunden in dieser blauen Beleuchtung, schätzten deren beruhigenden Einfluß, und fanden die Farbe, die jenes Licht auf den Gesichtern hervorruft, keineswegs unangenehm, wie es bei uns der Fall gewesen wäre.
Die Arbeitszimmer, das Hauslaboratorium, sowie der Verbindungsraum lagen im unteren Stockwerk; große Fenster ließen gewaltige Wogen des beunruhigenden roten Lichtes, das von den Blättern der Parkbäume ausging, in die Räume fluten. Dieses Licht, das in der ersten Zeit bei mir eine unruhige und verwirrte Stimmung hervorrief, erregte bei den Marsbewohnern eine gewohnte, der Arbeit günstige Erregung.
In Mennis Arbeitszimmer befanden sich viele Bücher und die verschiedensten Schreibgeräte, angefangen vom einfachen Bleistift bis zum Druckphonographen. Dieser Apparat besaß einen äußerst komplizierten Mechanismus: jedes deutlich ausgesprochene Wort wurde sofort vermittels eines Hebels auf der Schreibmaschine wiedergegeben und von dieser, je nach Bedarf, auf die Setzmaschine gebracht.
Auf Mennis Schreibtisch stand das Porträt eines mittelgroßen Marsbewohners. Die Gesichtszüge erinnerten lebhaft an Menni, doch eignete ihnen ein Ausdruck strenger Energie und kalter Entschlossenheit, ja fast der Grausamkeit, die Menni fehlte, dessen Gesicht nur einen ruhigen, festen Willen ausdrückte. Menni erzählte mir die Geschichte dieses Mannes.
Er war ein Ahne Mennis, ein großer Ingenieur. Er lebte vor der sozialen Revolution, zur Zeit der großen Kanalbauten. Dieses grandiose Werk wurde nach seinen Plänen und unter seiner Leitung ausgeführt. Sein erster Gehilfe, der ihm den Ruhm und die Macht neidete, zettelte gegen ihn Intrigen an. Einer der Hauptkanäle, an dem einige hunderttausend Menschen arbeiteten, mußte in einer sumpfigen, ungesunden Gegend begonnen werden. Viele tausend Arbeiter starben und erkrankten, allgemeine Unzufriedenheit gärte. Zur gleichen Zeit, als der Oberingenieur mit der Zentralregierung des Mars Besprechungen pflog, um für die Familien der bei dem Bau verstorbenen Arbeiter und für jene, die durch Krankheit an weiterer Arbeit gehindert wurden, Pensionen durchzusetzen, agitierte der erste Gehilfe im Geheimen wider ihn, hetzte zum Streik für die Forderung, die Arbeit an einen anderen Ort zu verlegen, was bei dem jetzigen Stand der Arbeit unmöglich war, weil dadurch der ganze Plan des großen Werkes und des Ingenieurs zerstört worden wäre. Als der Ingenieur dies erfuhr, berief er den ersten Gehilfen zu sich, verlangte von ihm eine Aufklärung und tötete ihn auf der Stelle. Vor Gericht verschmähte der Ingenieur jegliche Verteidigung, beschränkte sich auf die Erklärung, daß er seine Handlung für völlig gerecht und notwendig halte. Er wurde zu vielen Jahren Gefängnis verurteilt.
Doch stellte sich gar bald heraus, daß keiner seiner Nachfolger die Kraft besaß, die gigantische Organisation der Arbeit durchzuführen. Mißverständnisse entstanden, Raub und Betrug, gewaltige Verwirrung; der ganze Apparat des Werkes war nahe daran zugrunde zu gehen, die Ausgaben wuchsen in die Hunderte von Millionen, unter den Arbeitern gärte heftige Unzufriedenheit, die bereits fast zu Aufständen führte. Die Zentralregierung wandte sich in aller Eile an den früheren Ingenieur, bot ihm Begnadigung und Wiedereinsetzung ins Amt an. Er wies die Begnadigung zurück, willigte jedoch ein, vom Gefängnis aus die Arbeit zu leiten.
Durch die Berichte seiner Revisoren wurden die Vorgänge an der Arbeitsstelle rasch aufgeklärt. Hundert Ingenieure und Unternehmer wurden fortgejagt und vor Gericht gestellt. Der Arbeitslohn wurde erhöht, ein neues System für die Lieferung der Nahrung, Kleidung und Werkzeuge eingeführt, der Arbeitsplan revidiert und verbessert. Bald war die Ordnung wieder völlig hergestellt, der gewaltige Apparat arbeitete rasch und genau, wie ein gehorsames Werkzeug in der Hand des Meisters.
Aber dieser Meister leitete nicht bloß das ganze Werk, sondern arbeitete auch die Pläne für dessen Fortsetzung in den folgenden Jahren aus, bereitete gleichzeitig auch noch einen Stellvertreter vor, einen jungen, energischen, begabten, dem Arbeiterstand entstammenden Ingenieur. Da der Tag nahte, an dem er aus dem Gefängnis entlassen werden sollte, war alles so gut vorbereitet, daß der große Meister die Möglichkeit hatte, das Werk, ohne es zu gefährden, einer anderen Hand zu übergeben. Im Augenblick, als sich der erste Minister der Zentralregierung dem Gefängnis näherte, um den Gefangenen freizulassen, tötete dieser sich selbst.
Während Menni mir dies erzählte, veränderte sich sein Gesicht auf seltsame Art; es erschien darauf der gleiche unbeugsam strenge Ausdruck, der seinem Ahnen eignete, und in diesem Augenblick glich er ihm. Ich fühlte, wie sehr er diesem Ahnen, der hundert Jahre vor seiner, Mennis, Geburt gestorben war, nahestand und wie gut er ihn begriff.