Nella schlang den Arm um den Kleinen und versuchte ihn zu beschwichtigen, doch dauerte es lange Zeit, bis er sich beruhigte.

Enno berichtete von den zahllosen einzigartigen Reichtümern dieses herrlichen Planeten, von den gewaltigen, viele Millionen Pferdekräfte besitzenden Wasserfällen, von den Edelmetallen, die sich auf den Gipfeln der Berge befinden, von den reichen Radiumlagern, die schon bei einer Tiefe von etlichen hundert Metern zutage gefördert werden könnten, von dem Vorrat an Energie für hunderttausend Jahre. Ich beherrschte die Sprache noch nicht genügend, um die ganze Schönheit des Vortrags zu empfinden, die Bilder aber fesselten meine Aufmerksamkeit im gleichen Maße, wie die der Kinder. Als Enno endete und der Saal erhellt ward, wurde mir schier ein wenig traurig zumute, wie mochten da wohl erst die Kinder das Ende des schönen Märchens bedauern.

Als der Vortrag zu Ende war, begannen die Zuhörer Fragen zu stellen, ihre Bemerkungen zu machen. Die Fragen waren verschiedenartig, wie es ja auch die Zuhörer waren; sie betrafen die Genauigkeit der Photographien, die Mittel, die im Kampf gegen die Natur angewendet wurden. Es wurde auch die Frage aufgeworfen, wann sich auf der Venus von selbst Menschen entwickeln würden und wie deren Körper beschaffen sein werde?

Die Bemerkungen waren meist naiv, häufig jedoch scharfsinnig; sie wandten sich vor allem gegen Ennos Behauptung, daß zu unserer Zeit die Venus für die Menschen ein äußerst nutzloser Planet sei und daß es kaum möglich sein würde, ihre gewaltigen Reichtümer bald auszubeuten. Gegen diese Ansichten lieferten die jungen Optimisten einen erbitterten Kampf, dem sich die meisten anschlossen. Enno bewies ihnen, daß die Sonnenglut und die feuchte Luft eine Unmenge Bazillen hervorbringe, die für die Menschen äußerst gefährlich seien, sie mit vielen Krankheiten bedrohten; dies erfuhren alle Reisenden auf der Venus am eigenen Leibe, sowie auch, daß die Orkane und gewaltigen Gewitter jegliche Arbeit erschwerten, das Leben der Menschen gefährdeten, und dergleichen mehr. Die Kinder jedoch fanden, es sei merkwürdig, sich von derartigen Hindernissen abschrecken zu lassen, wenn es um die Eroberung eines so herrlichen Planeten gehe. Zur Bekämpfung der Bakterien und Krankheiten müßte man so rasch wie möglich Tausende von Aerzten auf die Venus senden, und auch den Orkanen und Gewittern könnte Trotz geboten werden, indem man hunderttausend Bauarbeiter hinschickt, die überall dort, wo es nötig ist, hohe Mauern errichten und Blitzableiter anbringen. „Mögen neun, zehn und mehr Menschen umkommen!“ rief ein entflammter zwölfjähriger Knabe. „Dort gibt es Dinge, um derentwillen es sich zu sterben lohnt, es kommt ja nur darauf an, den Sieg zu erringen.“ Und seine glühenden Augen verrieten, daß er sich nicht weigern würde, zu jenen zehn Menschen zu gehören.

Sanft und gelassen warf Enno diese Kartenhäuser über den Haufen; doch war ihm anzumerken, daß er in der Tiefe seiner Seele das gleiche empfinde wie die Kinder, und daß seine junge lodernde Phantasie entschlossene Pläne verberge, die zwar bedachter und ausgeklügelter waren, aber ebenso hartnäckig. Er selbst war noch nicht auf der Venus gewesen, und seine Begeisterung bewies klar, wie sehr ihn deren Schönheit und Gefahren anzogen.

Als der Gedankenaustausch beendet war, verließ Enno mit mir und Netti den Saal. Er beschloß, noch einige Tage in dieser Stadt zu verweilen und schlug mir vor, am folgenden Tag das Kunstmuseum zu besichtigen. Netti würde beschäftigt sein; er war in eine andere Stadt zu einem großen Aerztekonsilium gerufen worden.

Das Kunstmuseum

„Ich hätte nie gedacht, daß auch bei Euch ein eigenes Museum für Kunstgegenstände existiere“, meinte ich, mit Enno dem Museum zustrebend. „Glaubte, daß Bildergalerien und Skulpturausstellungen eine Eigenheit des Kapitalismus mit seinem prunkhaften Luxus und grob zur Schau getragenen Reichtum seien. In der sozialistischen Gesellschaft erwartete ich die Kunst überall im Leben zu finden, als Schmuck dieses Lebens.“

„Darin irren Sie auch nicht“, antwortete Enno. „Der größte Teil der Kunstgegenstände ist bei uns für die Gemeinschaftsgebäude bestimmt, für jene, wo wir unsere allgemeinen Angelegenheiten regeln, wo wir studieren und Forschungen anstellen oder der Ruhe pflegen. Fabriken und Betriebe werden weit weniger geschmückt, die Aesthetik der gewaltigen Maschinen und deren Bewegung ist an und für sich ein schöner Anblick, und es gibt nur wenig Kunstgegenstände, die völlig mit den Maschinen harmonieren, in deren Gegenwart nicht einen abgeschwächten, verminderten Eindruck machten. Am wenigsten aber schmücken wir unsere Häuser, wo wir uns ja auch äußerst selten aufhalten. Unser Kunstmuseum jedoch ist eine ästhetisch-wissenschaftliche Anstalt, eine Schule, in der man die Entwicklung der Kunst zu verfolgen vermag, oder, richtiger gesagt, die Entwicklung der Menschheit in ihrer künstlerischen Tätigkeit.“

Das Museum befand sich auf einer kleinen Insel inmitten eines Sees, durch eine schmale Brücke mit dem Ufer verbunden. Das viereckige Gebäude war von einem Garten umgeben, in dem hohe Springbrunnen plätscherten und unzählige blaue, weiße, schwarze und gelbe Blumen prunkten; außen war es herrlich geschmückt, innen hell von Licht überflutet.