Hier gab es wahrlich nicht jene unsinnige Anhäufung von Gemälden und Statuen wie in den großen Museen der Erde. Vor mir erläuterten einige hundert Abbildungen die Entwicklung der plastischen Kunst, angefangen von den groben, ersten Gegenständen der prähistorischen Zeit bis zu den technisch-idealen Erzeugnissen des letzten Jahrhunderts. Und vom Anfang bis zum Ende war überall der Stempel jener innerlichen Vollkommenheit fühlbar, die wir „Genie“ nennen. Offensichtlich gehörte alles hier ausgestellte zu den besten Erzeugnissen jeder Epoche.
Um die Schönheit einer anderen Welt klar zu erfassen, gilt es, deren Leben genau zu kennen, aber um anderen das Verständnis für diese Schönheit zu übermitteln, dazu muß man selbst deren teilhaftig sein. Deshalb vermag ich auch nicht zu schildern, was ich dort sah; ich vermag nur Andeutungen zu geben, kann bloß ausdrücken, was mich am meisten in Staunen versetzte.
Das Hauptmotiv der Skulptur war bei den Marsbewohnern ebenso wie bei uns der schöne menschliche Körper. Die körperliche Beschaffenheit der Marsbewohner unterscheidet sich nur wenig von jener der Erdenmenschen, abgesehen von der Verschiedenheit der Augen, die zum Teil durch die Schädelformation bedingt ist, doch übersteigt auch diese Verschiedenheit nicht jene, die bei den einzelnen irdischen Rassen vorkommt. Ich kann diesen Unterschied nicht genau erklären, verstehe mich schlecht auf Anatomie; jedenfalls aber gewöhnte sich mein Auge bald an die Marsbewohner, sah in ihnen keineswegs Mißgeburten, sondern vielmehr etwas Originelles.
Ich bemerkte, daß der männliche und weibliche Körperbau weit ähnlicher war, als bei den Erdenrassen; die Breite der Frauenschultern entsprach häufig der der Männer, und das gleiche galt von der Muskulatur. Dies zeigte sich besonders in den Abbildungen aus der letzten Zeit, der Zeit der freien menschlichen Entwicklung; bei den Werken aus der kapitalistischen Periode trat der Unterschied zwischen dem männlichen und weiblichen Körper weit stärker zutage. Anscheinend hatte die häusliche Sklaverei der Frau und das Schuften des Mannes die Körper nach verschiedenen Richtungen hin beeinflußt.
Ich verlor auf keinen Augenblick die bald klare, bald verschwommene Erkenntnis, daß ich vor mir die Bilder einer fremden Welt sehe; sie trugen für mich den Stempel des Seltsamen, Gespenstischen. Sogar die herrlichen Frauenkörper dieser Statuen und Bilder erweckten in mir ein unverständliches Gefühl, das mit dem mir bekannten aesthetisch verliebten Entzücken nichts gemein hatte, sondern vielmehr den unklaren Ahnungen und Empfindungen glich, die mich vor langer Zeit, an der Grenze zwischen Kindheit und Jünglingsalter, heimgesucht hatten.
Die Statuen der frühesten Epochen waren, wie dies auch bei uns der Fall ist, einfarbig. Die späteren jedoch besaßen die Farben der Natur. Dies wunderte mich keineswegs; ich fand stets, daß das Verwerfen der Wirklichkeit nicht ein unentbehrliches Element der Kunst sein könne, ja, daß es sogar unkünstlerisch wirke, insbesondere, wenn es die Mannigfaltigkeit der Wahrnehmung vermindert, wie dies bei einfarbigen Skulpturen der Fall zu sein pflegt. In solchen Fällen wird die künstlerische Idealisierung des konzentrierten Lebens gestört.
Bei den Statuen und Bildern der alten Zeiten herrschte ebenso wie bei unseren antiken Kunstgegenständen große Ruhe und Gelassenheit vor; diese waren voller Harmonie, frei von jeglicher Anspannung. In den folgenden Uebergangsepochen zeigte sich ein anderer Charakter: Leidenschaft, Aufregung, bisweilen gemildert zu irren Träumen, Träumen erotischer oder religiöser Natur, mitunter den schmerzhaften Widerspruch zwischen seelischer und körperlicher Kraft scharf betonend. In der sozialistischen Epoche veränderte sich abermals der Grundcharakter: hier überwogen harmonische Bewegung, gelassen vertrauensvolle Entfaltung der Kräfte, fremd jeder schmerzlichen Vergewaltigung, ein freies Streben, eine lebendige Tätigkeit, das konzentrierte Bewußtsein der Einheitlichkeit des Körpers und der unbesieglichen Vernunft.
Wenn die ideale Frauenschönheit der antiken Zeiten die Möglichkeit grenzenloser Liebe, die der Renaissance den Durst nach mystischer und gefühlicher Liebe ausdrückte, so verkörperte jene, die sich nun meinen Augen zeigte, die Liebe selbst in ihrem ganzen ruhigen und stolzen Selbstbewußtsein – klar, leuchtend, alles besiegend ...
Den späteren sowie den frühesten künstlerischen Schöpfungen eignete ein äußerst einfacher Charakter; sie behandelten ein einziges Motiv. Ihre Aufgabe bestand darin, ein kompliziertes menschliches Wesen wiederzugeben, dessen Leben reich und ausgefüllt war; deshalb wählten sie jenen Augenblick des Lebens, in dem sich irgend ein Gefühl oder ein Streben konzentriert hatte ... Bei den neuesten Künstlern schienen beliebte Themen: die Extase des schöpferischen Gedankens, die Extase der Liebe, die Extase des Naturgenusses, der ruhige freiwillige Tod – lauter Themen, die charakteristisch waren für eine große Rasse, eine Rasse, die intensiv und vollkommen zu leben und bewußt und würdig zu sterben verstand.
Die Abteilung für Gemälde und Skulptur nahm die eine Hälfte des Museums ein; die andere war der Architektur gewidmet. Unter Architektur verstanden die Marsbewohner nicht nur die Aesthetik der Bauten und der großen technischen Konstruktionen, sondern auch die der Möbel, der Werkzeuge, der Maschinen, überhaupt die Aesthetik alles materiell Nützlichen. Welche gewaltige Rolle in ihrem Leben gerade diese Kunst spielte, ließ sich aus dem Reichtum und der Vollständigkeit dieser Sammlung ersehen. Von den ersten Höhlenwohnungen mit den primitiven Geräten bis zu den luxuriösen Gemeinschaftshäusern aus Glas und Aluminium, bis zu den gigantischen Fabriken mit den schauerlich schönen Maschinen, bis zu den gewaltigen Kanälen mit den mächtigen Ufern und Schwebebrücken – war hier alles in der typischen Form dargestellt, in Bildern, Plänen, Modellen, besonders aber in großen Stereoskopen, die eine Illusion der Wirklichkeit gaben. Eine besondere Stelle nahm die Aesthetik der Gärten, der Felder und Parke ein; und wie ungewohnt auch immer mir die Natur dieses Planeten war, so vermochte ich dennoch die Schönheit der Blumen- und Formenkombinationen zu erkennen, die das Kollektivgenie dieses großäugigen Volkes der Natur verliehen hatte.