„Aber der Reim an und für sich beschränkt und erschwert den poetischen Ausdruck der Idee.“
„Was hat das zu bedeuten? Diese Begrenzung entspringt dem vom Künstler frei gewählten Ziel. Sie erschwert nicht nur, sondern vervollkommnet auch den Ausdruck der dichterischen Idee, verfolgt ausschließlich diesen Zweck. Je komplizierter das Ziel, desto schwerer der dazu führende Weg und desto größer der Zwang, den sich der Künstler auferlegen muß. Wenn Sie einen schönen Bau errichten wollen, wie viel richtiger Technik und Harmonie bedürfen Sie dabei, das heißt: wie viel „Zwang“ müssen Sie sich auferlegen! Bei der Wahl des Zieles sind Sie frei. Dies ist die einzige menschliche Freiheit. Wenn Sie aber nach dem Ziel verlangen, so verlangen Sie gleichzeitig auch nach den Mitteln, durch die es zu erreichen ist.“
Wir schlenderten in den Garten hinaus, um uns von den zahlreichen Eindrücken zu erholen. Der Abend war bereits niedergesunken, ein klarer milder Frühlingsabend. Die Blumen zogen Kelche und Blätter ein, um sie für die Nacht zu schließen; dies war eine Eigenheit der Marspflanzen, verursacht von den kalten Nächten. Ich wandte mich abermals an meinen Gefährten:
„Sagen Sie mir, welche Art der Belletristik ist heutzutage bei Ihnen die vorherrschende?“
„Im Drama die Tragödie, in der Dichtung die Naturschilderung“, antwortete Enno.
„Was ist der Inhalt der Tragödien? Wo finden Sie bei Ihrem glücklichen friedlichen Dasein den Stoff für Tragödien?“
„Glücklich? Friedlich? Woher nehmen Sie das? Es ist ja wahr, daß bei uns zwischen den Menschen Frieden herrscht, aber keineswegs herrscht Frieden zwischen uns und den Kräften der Natur, das wäre ja auch unmöglich. Diese ist ein Feind, bei dem selbst jeder Sieg eine neue drohende Gefahr bedeutet. In der letzten Epoche der Geschichte haben wir die Ausbeutung unseres Planeten um das zehnfache erhöht, unsere Bevölkerung wächst an und noch weit mehr steigern sich unsere Bedürfnisse. Schon mehr als einmal bedrohte uns auf dem einen oder anderen Arbeitsfeld die Erschöpfung der Naturkräfte und Mittel. Bis heute gelang es uns noch immer, diese Gefahr zu besiegen, ohne zu der hassenswerten Verkürzung des Lebens greifen zu müssen, der Verkürzung des Lebens bei uns selbst und unseren Nachkommen. Aber gerade jetzt nimmt der Kampf abermals einen besonders ernsthaften Charakter an.“
„Ich hätte niemals gedacht, daß bei Ihrer technischen und wissenschaftlichen Vollkommenheit eine derartige Gefahr bestehen könnte. Sie sagten, dies habe sich auf dem Mars bereits ereignet?“
„Ja, vor siebzig Jahren; als unsere Steinkohlenvorräte versiegten und der Uebergang zur Wasser- und Elektrizitätskraft noch lange nicht bewerkstelligt war; damals mußten wir, um die gewaltigen Maschinen herstellen zu können, einen bedeutenden Teil unserer Wälder abholzen, was auf Jahre hinaus unseren Planeten verunstaltete und das Klima verschlechtert hat. Als dann diese Krise überwunden war, zeigte es sich, vor etwa zwanzig Jahren, daß die Eisenerzlager erschöpft waren. Nun galt es, in aller Eile die richtige dauerhafte Legierung des Aluminiums herzustellen, und ein großer Teil unserer technischen Kraft wurde auf die elektrische Gewinnung des Aluminiums aus der Erde verwandt. Heute, da sich, wie auch aus der Statistik ersichtlich ist, die Bevölkerung äußerst rasch vermehrt, wissen wir bereits, daß uns in dreißig Jahren ein furchtbarer Mangel an Lebensmitteln bedrohen wird, falls es uns bis dorthin nicht gelingen sollte, die Synthese des Eiweiß aus den Elementen zu entdecken.“
„Aber die anderen Planeten“, warf ich ein, „könnten Sie nicht auf denen das Fehlende finden?“