„Wo? Die Venus ist anscheinend noch unzugänglich. Und die Erde? Die besitzt ihre eigene Menschheit, und es ist bis heute noch nicht klar ersichtlich, inwieweit wir deren Kräfte ausnützen können. Jede Fahrt nach der Erde verschlingt große Vorräte an radiumausstrahlenden Stoffen; dies weiß ich von Menni, der mir unlängst über seine letzte Expedition berichtete, und unser Vorrat an diesen Stoffen ist ziemlich gering. Nein, die sich uns überall entgegenstellenden Schwierigkeiten sind keineswegs zu unterschätzen, und je enger sich unsere Menschheit im Kampfe gegen die Natur zusammenschließt, desto enger schließen sich auch die Elemente zusammen.“

„Aber es würde doch genügen, die Vermehrung zu beschränken?“

„Die Vermehrung beschränken! Das bedeutete den Sieg der Natur. Bedeutete den Verzicht auf das unbegrenzte Anwachsen des Lebens, bedeutete das Stehenbleiben auf der gleichen Stufe. Wir siegen, weil wir in gewaltigen Massen gegen die Natur vorgehen. Wenn wir aber auf das Anwachsen unseres Heeres verzichten, dann sind wir von allen Seiten durch die Elementargewalten belagert. Dann würde auch der Glaube an unsere Kollektivkraft geschwächt werden, an unser großes Gemeinschaftsleben. Und zusammen mit diesem Glauben ginge auch für jeden Einzelnen der Sinn des Lebens verloren, weil ja doch in jedem von uns die kleine Zelle des großen Organismus lebt, vollständig lebt, und jeder wieder in dieser Zelle sein Dasein hat. Nein, eine Beschränkung der Vermehrung, – das wäre das allerletzte, wozu wir uns entschließen könnten, und wenn dies gegen unseren Willen geschähe, so würde es den Anfang vom Ende bedeuten.“

„Nun begreife ich, daß auch bei Ihnen stets Tragödienstoffe vorhanden sind, zumindest als drohende Möglichkeit. Solange jedoch der Sieg noch auf Seiten der Menschheit ist, sieht sich der Einzelne zur Genüge vor dieser Tragödie der Gemeinschaft bewahrt; ja selbst wenn die Gefahr in unmittelbare Nähe rückt, so verteilen sich die gigantische Anstrengung und die Leiden des Kampfes so gleichmäßig unter den zahllosen Einzelwesen, daß deren ruhiges Glück kaum gestört werden kann. Und zu diesem Glück fehlt anscheinend bei Ihnen nichts.“

„Ruhiges Glück! Ist es denn möglich, daß der Einzelne nicht zutiefst die Erschütterung eines ganzen Lebens, in dem sein Anfang und sein Ende liegt, empfinde? Und zeigen sich nicht auch die tiefen Widersprüche des Lebens in der Begrenztheit des Einzelwesens verglichen mit dessen Ziel, in seiner Ohnmacht, mit diesem Ziel zu verschmelzen, es völlig mit seinem Bewußtsein zu umfassen und sein Bewußtsein selbst aus dem Ziel zu schöpfen? Begreifen Sie diese Widersprüche nicht? Das kommt daher, weil sie in Euerer Welt von anderen, näherliegenden und gröberen Dingen verdunkelt werden. Der Kampf der Klassen, der Gruppen, der Einzelwesen raubt Euch die Idee des Zieles, und zugleich damit das Glück sowie das Leid, die darin enthalten sind. Ich sah Ihre Welt; und ich vermag auch nicht den zehnten Teil des Wahnsinns zu erfassen, in dem Ihre Brüder leben. Eben deshalb vermag ich nicht zu beurteilen, wer von uns dem ruhigen Glück näher ist: je stärker und harmonischer das Leben, desto quälender und unvermeidlicher wirken die Dissonanzen.“

„Sagen Sie, Enno, sind Sie zum Beispiel nicht glücklich? Sie besitzen Jugend, Wissen, Poesie und sicher auch Liebe ... Was können Sie Schweres erfahren haben, daß Sie so glühend von der Tragödie des Lebens sprechen?“

„Das ist prächtig“, lachte Enno, und sein Lachen klang seltsam. „Sie wissen nicht, daß der heitere Enno bereits einmal zu sterben beschlossen hatte. Und wenn Menni nur einen einzigen Tag später sechs Worte geschrieben hätte, in denen unsäglich viel lag: „Wollen Sie auf die Erde mitkommen?“ so würde Ihnen Ihr heiterer Reisegefährte gefehlt haben. Doch kann ich Ihnen augenblicklich nichts Näheres verraten. Sie werden ja selbst sehen, daß, wenn es bei uns ein Glück gibt, dieses keineswegs das friedliche und ruhige Glück ist, von dem Sie sprechen.“

Ich konnte mich nicht entschließen, weitere Fragen zu stellen. Aber ich konnte auch nicht länger systematisch die Kunstsammlung besichtigen. Meine Aufmerksamkeit war abgelenkt, meine Gedanken schweiften umher. In der Abteilung für Skulptur verharrte ich vor einer der neuesten Statuen, die einen schönen Jüngling darstellte. Seine Gesichtszüge erinnerten an Netti; mich erschütterte das Talent, mit dem der Künstler in dem leblosen Stoff, in unvollendeten Zügen, in den glühenden Augen des Knaben die Geburt des Genies wiedergegeben hatte. Lange verweilte ich reglos vor dieser Statue, und die ganze Umgebung entschwand meinem Bewußtsein; Ennos Stimme durchbrach meine Gedanken:

„Das seid Ihr“, sprach er, auf den Jüngling weisend. „Dies ist Ihre Welt. Sie wird eine wundervolle Welt sein; heute befindet sie sich noch in ihrer Kindheit, beachten Sie, was für dunkle Träume, was für bebende Bilder noch ihr Bewußtsein erregen ... Noch liegt sie im Halbschlaf, doch wird sie erwachen; ich fühle es, glaube zutiefst daran!“

In das freudige Gefühl, das diese Worte in mir erweckten, mischte sich ein seltsames Bedauern: