„Ja; ebenso wie wir gezwungen sind, Krankheit und Tod hinzunehmen, oder etwa eine bittere Medizin zu schlucken. Welches vernünftige Wesen würde zum Beispiel im Fall der Selbstverteidigung auf die Gewalt verzichten?“
„Wissen Sie, daß diese Tatsache mir die Kluft zwischen Ihrer und unserer Welt weit weniger groß erscheinen läßt?“
„Der Unterschied besteht nicht darin, daß bei Ihnen notgedrungenerweise viel, bei uns aber wenig Gewalt angewandt wird, sondern vielmehr darin, daß sich bei Ihnen die Gewalt als Gesetz verkleidet, sei es nun als äußeres oder inneres, daß sie als sittliche und rechtliche Norm auftritt, die die Menschen beherrscht und belastet. Bei uns hingegen tritt die Gewalt entweder als Krankheitserscheinung auf, oder aber als vernünftige Handlung eines vernunftbegabten Wesens. In keinem dieser Fälle bedeutet sie irgendein gesellschaftliches Gesetz, oder eine gesellschaftliche Norm, ist weder persönliches noch unpersönliches Gebot.“
„Gibt es denn keine Regel, nach der Sie die Freiheit der Geisteskranken oder der Kinder einschränken?“
„Ja, eine Art wissenschaftliche, der Medizin oder Pädagogik entstammende Regel. Freilich sind in dieser technischen Regel nicht alle jene Fälle vorausgesehen, in denen die Gewalt angewandt werden muß, noch aber die Mittel bei ihrer Anwendung, die Stufen – alldies hängt selbstverständlich von der Gesamtheit der Vorbedingungen ab.“
„Wird dadurch der Willkür der Erzieher oder Krankenpfleger nicht völlig freier Lauf gelassen?“
„Was bedeutet das Wort „Willkür“? Wenn es unnötige, überflüssige Anwendung der Gewalt bedeutet, so kann es nur in bezug auf einen Kranken angewandt werden, der sich im Krankenhaus befindet. Ein vernünftiger, bewußt handelnder Mensch ist der Willkür nicht fähig.“
Wir durchschritten die Krankensäle, die Operationsräume, die Zimmer, in denen die Medizinen aufbewahrt wurden, die Stuben der Pfleger. Im obersten Stockwerk betraten wir einen geräumigen, schönen Saal, dessen durchsichtige Wände den Ausblick auf den See, den Wald und die fernen Berge gestatteten. Der Raum war mit Statuen und Gemälden von hohem künstlerischem Wert geschmückt, die Möbel waren prächtig und luxuriös.
„Dies ist das Zimmer der Sterbenden“, sprach Netti.
„Bringen Sie alle Sterbenden hierher?“ fragte ich.