„Das ist wahr“, meinte ich. „Erklären Sie mir aber nun etwas anderes: wie kommt es, daß sich die Marsbewohner so lange jung erhalten? Ist dies eine Eigenheit Ihrer Rasse oder hängt es von den günstigen Lebensbedingungen, oder aber noch von etwas anderem ab?“
„Mit der Rasse hat es nichts zu tun; noch vor zweihundert Jahren waren wir weit weniger langlebig. Die günstigeren Lebensbedingungen? Ja, selbstverständlich spielen auch diese eine bedeutsame Rolle, die Hauptursache jedoch ist eine ganz andere: nämlich die Erneuerung des Lebens.“
„Was ist das?“
„Eine dem Wesen nach äußerst einfache Sache, Ihnen jedoch wird sie wahrscheinlich seltsam erscheinen, obgleich Ihre Wissenschaft bereits alle Daten für diese Methode kennt. Sie wissen, daß die Natur, um die Lebensfähigkeit der Zelle oder des Organismus zu steigern, das Einzelwesen durch ein anderes ergänzt. Um dieses Ziel zu erreichen, verschmilzt sich das Einzelwesen aus zweien zu einem, und auf diese Art erhält es die Lebens- und Vermehrungsfähigkeit, die „Unsterblichkeit“ des Protoplasma. Derselbe Gedanke beherrscht die Kreuzungen der höheren Pflanzen- und Tierarten; hier vereinigen sich lebendige Elemente zweier verschiedener Wesen, auf daß ein drittes geboren werde. Schließlich wissen Sie wohl auch um die Einimpfung des Blutes, von dem einen zum anderen Geschöpf, um diesem anderen eine stärkere Lebensfähigkeit zu verleihen, wie dies beim Serum gegen verschiedene Krankheiten der Fall ist. Wir gehen hierin noch weiter: verwenden die Transfusion des Blutes zwischen zwei menschlichen Wesen, von denen jedes dem anderen eine gesteigerte Lebensfähigkeit zu geben vermag. Diese einmalige Transfusion des Blutes zwischen zwei Menschen wird durch einen die Blutgefäße der beiden verbindenden Apparat bewerkstelligt. Bei Beobachtung der nötigen Vorsichtsmaßregeln ist der Prozeß völlig ungefährlich. Das Blut des einen Menschen lebt weiter im Organismus des anderen, vermischt sich mit dem eigenen Blut und erneuert die Gewebe.“
„Auf diese Art vermögen Sie durch die Transfusion jungen Blutes den Alten die Jugend wiederzugeben?“
„Zum Teil; freilich nicht ganz. Denn das Blut ist im Organismus nicht alles, der Organismus verarbeitet es. Deshalb altert auch der junge Mensch nach der Transfusion alten Blutes nicht; alles, was in ihm Schwäche, Alter ist, verteilt sich rasch im jungen Organismus, und zur gleichen Zeit scheidet er aus dem Organismus all das aus, dessen er nicht bedarf; dadurch werden die Energie und Anpassungsfähigkeit seines ganzen Wesens gesteigert.“
„Wenn dies so einfach ist, weshalb hat bis heute unsere irdische Medizin das Mittel noch nicht angewandt? Die Transfusion des Blutes ist, wenn ich nicht irre, bereits seit etlichen hundert Jahren bekannt.“
„Ich weiß es nicht; vielleicht besteht irgendeine organische Eigenheit, die bei den Erdenmenschen diesem Mittel seine Wirksamkeit raubt. Vielleicht aber kommt dies auch von dem bei Ihnen herrschenden Individualismus, der so sehr den einen Menschen vom anderen trennt, daß der Gedanke an eine lebendige Verschmelzung Ihren Gelehrten schier als ein Ding der Unmöglichkeit erscheint. Außerdem gibt es bei Ihnen eine Unzahl das Blut vergiftender Krankheiten, Krankheiten, von denen die Befallenen oft gar nicht wissen, oder die sie verheimlichen. Die bei Ihnen äußerst selten vollzogene Transfusion des Blutes trägt irgendwie einen philanthropischen Charakter: jener, der viel Blut besitzt, gibt davon jenem, der dessen äußerst nötig bedarf, zum Beispiel in Fällen, wo durch Wunden ein großer Blutverlust entstanden ist. Freilich kommt dies auch bei uns vor; meist aber verhält es sich anders, entspricht unserer ganzen Ordnung: unser Leben ist nicht nur dem Geist nach ein kameradschaftliches, sondern sogar dem Körper nach.“
Arbeit und Gespenster
Die Eindrücke der ersten Tage, die wie ein stürmischer Wasserfall mein Bewußtsein überfluteten, ließen mich erkennen, was für eine ungeheuere Arbeit mir bevorstand. Vor allem galt es, diese Welt zu begreifen, diese unermeßlich reiche und in ihrer Ordnung so eigenartige Welt. Dann aber mußte ich mich ihr nähern, jedoch nicht wie einem interessanten Museumsgegenstand, sondern wie ein Mensch den Menschen, ein Arbeiter den Arbeitern. Nur so vermochte ich meine Mission zu erfüllen, als wahrhaftes Band zwischen zwei Welten zu dienen, zwischen denen ich, der an der Grenze stehende Sozialist, einen unendlich winzigen Augenblick der Gegenwart bedeutete, der Vergangenheit und Zukunft verband.