Eines nur war peinlich: es wurde mir täglich schwerer, meine Aufmerksamkeit völlig auf einen Gegenstand zu konzentrieren. Die Gedanken schweiften von einer Sache, von einer Seite zur anderen; klare, gänzlich unerwartete Erinnerungen fluteten bisweilen über mein Bewußtsein hinweg, ließen mich meine Umgebung vergessen, raubten mir die kostbaren Minuten. Ich bemerkte dies, zwang mich mit neuer Energie zur Arbeit, aber nach kurzer Zeit suchten abermals flüchtige Bilder und Phantasien der Vergangenheit mein Gehirn heim, und es galt von neuem, ihrer Gewalt zu widerstehen.

Immer häufiger überkam mich ein bebendes, seltsam beunruhigendes Gefühl; bekannte Gesichter tauchten vor mir auf, alte Geschehnisse. Eine übermächtige Flut riß mich zurück, in ferne Zeiten, in die Jugend und früheste Kindheit, dort verlor sich mein Bewußtsein in Unklarheit und Wirrnis. Nach solchen Stunden vermochte ich die andauernde Zerstreutheit nicht zu bewältigen.

In meinem Inneren entstand ein heftiger Widerstand, der mich hinderte, einer Sache lange Zeit zu widmen; ich hastete von Gegenstand zu Gegenstand, schleppte in meine Stube einen Haufen Bücher, die früher am rechten Ort aufbewahrt waren, Tabellen, Karten, Stereogramme, Phonographen usw. Auf diese Art hoffte ich, den Zeitverlust wieder einzubringen, aber die furchtbare Zerstreutheit übermannte mich stets von neuem, und häufig ertappte ich mich dabei, daß ich lange reglos auf einen Punkt starrte, nichts begriff, nichts tat.

Lag ich auf meinem Bett und blickte durch das Glasdach zum düsteren Nachthimmel empor, so begannen meine Gedanken eigenwillig mit erstaunlicher Lebhaftigkeit und Energie zu arbeiten. Vor meinem Geiste erschienen ganze Zahlenreihen und Formeln, sie waren von einer derartigen Klarheit, daß ich sie, Zeile um Zeile, abzulesen vermochte. Doch verblaßten diese Erscheinungen gar bald, machten anderen Platz, mein Bewußtsein kehrte zum Panorama eines unglaublich lebendigen und klar umrissenen Bildes zurück, das nichts mit meiner Beschäftigung und meinen Sorgen zu tun hatte. Ich schaute irdische Landschaften, theatralische Szenen, Bilder aus Kindermärchen, sah sie wie in einem Spiegel. Sie durchdrangen meine Seele, verschwammen, vermischten sich, erweckten keinerlei Aufregung, sondern bloß ein leichtes Interesse, eine gewisse Neugierde, der eine schwache Befriedigung eignete. Dieser Vorgang vollzog sich in meinem Bewußtsein, vermengte sich nicht mit der äußeren Umgebung; später jedoch griff er auch auf sie über. Ich versank in Schlummer, in Träume, die voll lebendiger und komplizierter Erscheinungen waren; der Schlummer war ein leichter und gab mir nicht, wonach mich so sehr verlangte – das Gefühl der Rast und Erholung.

Schon längere Zeit störte mich Ohrensausen, jetzt wurde dieses immer unaufhörlicher und stärker, hinderte mich bisweilen sogar daran, die Töne des Phonographen zu vernehmen. Des Nachts raubte es mir den Schlaf. Immer wieder vermeinte ich dazwischen Menschenstimmen zu hören, bekannte und unbekannte, bisweilen glaubte ich, mein Name würde gerufen, oder aber ich vernähme Gespräche, deren Worte ich wegen des Sausens nicht zu verstehen vermochte. Ich sah ein, daß ich nicht völlig gesund sei, daß mich Verwirrung und Zerstreutheit überwältigten, vermochte ich doch nicht einmal einige Zeilen im Zusammenhang zu lesen.

„Das ist selbstverständlich nur Uebermüdung“, sprach ich zu mir. „Ich muß mehr rasten, habe tatsächlich zu viel gearbeitet. Doch brauche ich Menni davon nichts zu sagen, denn was jetzt mit mir vorgeht, erweckt gar sehr den Eindruck, als machte ich bereits zu Anfang meiner Arbeit Bankrott.“

Wenn mich Menni in meiner Stube aufsuchte, dies kam freilich zu jener Zeit selten vor, gab ich mir den Anschein, äußerst beschäftigt zu sein. Er warnte mich: ich arbeite zu viel, setze mich der Gefahr der Erschöpfung aus.

„Heute sehen Sie besonders schlecht aus“, sagte er. „Schauen Sie in den Spiegel, wie Ihre Augen glänzen, wie blaß Sie sind. Sie müssen sich ausruhen, das wird später Früchte tragen.“

Mich verlangte ja selbst nach Ruhe, doch vermochte ich keine zu finden. Zwar tat ich fast nichts, aber alles ermüdete mich, sogar die geringste Anstrengung. Die stürmische Flut lebendiger Bilder, Erinnerungen und Phantasien ebbte weder bei Tag noch bei Nacht ab. In ihr verblaßte meine Umgebung, verlor sich, nahm etwas Gespenstisches an.

Schließlich mußte ich mich ergeben; ich sah, daß Schlaffheit und Apathie immer stärker meinen Willen schwächten, daß ich immer weniger gegen sie anzukämpfen vermochte. Eines Abends, als ich zu Bette lag, wurde es mir plötzlich schwarz vor den Augen. Doch verging dies rasch, und ich trat ans Fenster, um auf die Bäume des Parkes zu blicken. Jählings fühlte ich, daß mich jemand anstarre. Ich wandte mich um – vor mir stand Anna Nikolajewna Ihr Antlitz war blaß und traurig, aus ihren Blicken sprach Vorwurf. Ich wurde erregt, dachte gar nicht an das Seltsame ihrer Erscheinung, tat einen Schritt vor, um ihr entgegenzugehen und etwas zu sagen. Sie aber verschwand, als habe sie sich in Luft aufgelöst.