Als ich mich erhob, um heimzukehren, wurde uns beiden schwer ums Herz.

„Wenn Ihre Arbeit Sie nicht hier festhält, so kommen Sie mit mir“, sagte ich.

Enno ging sofort auf meinen Vorschlag ein. Sie nahm ihre Arbeit mit. Zu jener Zeit hatte sie nichts im Observatorium zu tun, trug einen ungeheuren Vorrat von Berechnungen zusammen, und wir begaben uns in die chemische Stadt, wo ich Mennis Wohnung allein bewohnte. Allmorgendlich fuhr ich in meine Fabrik, die sich hundert Kilometer, also eine halbe Wegstunde, entfernt befand. Die langen Winterabende verbrachte ich von nun an mit Enno; wir beschäftigten uns mit wissenschaftlichen Arbeiten, plauderten oder unternahmen Spaziergänge in die Umgebung.

Enno erzählte mir ihre Geschichte. Sie liebte Menni und war dessen Frau gewesen. Es verlangte sie sehnlichst danach, von ihm ein Kind zu haben, aber Jahr um Jahr verstrich, ohne daß ihr Wunsch in Erfüllung ging. Sie wandte sich an Netti um Rat. Diese erforschte alle Umstände und gelangte zu dem kategorischen Ausspruch, daß Enno von Menni niemals ein Kind haben werde. Menni hatte sich allzu spät vom Knaben zum Mann entwickelt und allzu früh das anstrengende Leben eines Gelehrten und Denkers zu führen begonnen. Die übertriebene Tätigkeit seines Gehirnes und dessen außerordentliche Entwicklung hatten von allem Anfang an die lebendigen Elemente der Vermehrung zerstört und erdrückt; dies war nicht mehr gut zu machen.

Nettis Urteil bedeutete einen furchtbaren Schlag für Enno, bei der die Liebe zu dem genialen Menschen und der starke Mutterinstinkt zu einem Streben verschmolzen waren, das sich nun als hoffnungslos erwies.

Doch war dies noch nicht alles: Nettis Untersuchungen führten auch zu einem zweiten Ergebnis. Es zeigte sich, daß für Mennis gigantische geistige Arbeit, für die Entwicklung seiner genialen Fähigkeiten die größte Enthaltsamkeit vonnöten sei, daß er sich so wenig wie möglich den Liebkosungen der Liebe hingeben dürfe. Enno fühlte sich verpflichtet, Nettis Rat zu befolgen und konnte sich bald von dessen Richtigkeit überzeugen. Menni war wie neubelebt, er arbeitete mit größerer Energie als je zuvor, neue Pläne entstanden mit außergewöhnlicher Schnelligkeit in seinem Kopfe, er führte sie mit Erfolg durch und schien offensichtlich nichts zu entbehren. Enno, der ihre Liebe teuerer war als das Leben, die aber das Genie des geliebten Menschen noch höher wertete als ihre Liebe, zog die Folgen dieser Erkenntnis.

Sie trennte sich von Menni. Dieser war im Anfang äußerst erzürnt, fand sich jedoch bald mit der Tatsache ab. Der wahre Grund des Bruches war ihm vielleicht unbekannt. Enno und Netti hielten ihn geheim, doch konnte man freilich nicht sicher wissen, ob nicht Mennis durchdringender Verstand die Ursache erraten habe. Für Enno aber war nun das Leben so unsäglich leer, das Unterdrücken ihrer Gefühle quälte sie derart, daß die junge Frau schon nach kurzer Zeit beschloß, Selbstmord zu begehen.

Netti, an die sich Enno gewandt hatte, schob die Tat, die sie verhindern wollte, unter verschiedenen Vorwänden immer wieder hinaus und benachrichtigte schließlich Menni. Dieser organisierte damals gerade die Expedition nach der Erde und sandte sofort eine Aufforderung an Enno, sie möge sich diesem bedeutsamen und gefährlichen Unternehmen anschließen. Es war schwer, dieser Aufforderung nicht Folge zu leisten; Enno nahm sie an. Eine Unmenge neuer Eindrücke halfen ihr, den Seelenschmerz zu überwinden, und zur Zeit der Rückkehr auf den Mars vermochte sie sich bereits so weit zu beherrschen, um als der heitere, junge Dichter zu erscheinen, den ich auf dem Aetheroneff kennen gelernt hatte.

An der neuen Expedition hatte Enno nicht teilgenommen, weil sie fürchtete, sich allzu sehr an Mennis Gegenwart zu gewöhnen. Aber die Angst um dessen Schicksal folterte sie in ihrer Einsamkeit, denn sie kannte genau die große Gefahr des Unternehmens. An den langen Winterabenden kreisten unsere Gedanken und Worte beständig um den einen Punkt des Weltalls: um jenen, wo unter der Glut der gigantischen Sonne, unter dem sengenden Hauch des Windes, die beiden uns liebsten Wesen mit fieberhafter Energie ihre titanisch kühne Arbeit verrichteten. Dieser gemeinsame Gedanke und die gleichartige Stimmung brachte uns einander sehr nahe. Enno war mir mehr als eine Schwester.

Schier selbstverständlich, ohne Kampf und ohne Erschütterungen führte unsere Freundschaft zu einem Liebesverhältnis. Die unbeirrbar ehrliche und gütige Enno wich dieser Entwicklung nicht aus, wenngleich sie sie nicht angestrebt hatte. Sie beschloß nur, von mir kein Kind zu haben ... Der Schatten einer leisen Trauer verdunkelte ihre Liebkosungen, – die Liebkosungen einer zärtlichen Freundschaft, die alles gestattet ...