Der Winter breitete seine kalten weißen Flügel über uns, – der lange Marswinter, ohne Tau, ohne Winde und Schneestürme, ruhig, starr wie der Tod. Wir beide fühlten kein Verlangen, nach dem Süden zu fliegen, wo um diese Zeit die Sonne glühte und die Natur ihr leuchtendes Gewand angelegt hatte. Enno sehnte sich nicht nach einer derartigen Natur, die so schlecht mit ihrer Stimmung harmoniert hätte, und ich floh fast vor neuen Menschen und neuen Umgebungen, denn die Gewöhnung an diese würde neue nutzlose Arbeit gefordert, neue Erschöpfung verursacht haben; ich näherte mich ohnehin nur gar langsam meinem Ziel. Unserer Freundschaft eignete etwas seltsam Gespenstisches – Liebe, die Herrschaft des Winters, Sorgen und angstvolle Erwartung ...
Bei Nella
Enno war seit ihrer frühesten Jugend mit Netti befreundet gewesen und wußte mir über sie viel zu erzählen. Während eines unserer Gespräche wurden Nettis und Sternis Namen in einer gewissen Verbindung genannt, die mir merkwürdig erschien. Als ich darauf eine direkte Frage stellte, überlegte Enno eine Weile, wurde schier verwirrt und erwiderte schließlich:
„Netti war früher Sternis Frau. Wenn sie Ihnen dies nicht gesagt hat, so steht mir kein Recht zu, darüber zu reden. Ich beging offensichtlich einen Irrtum und Sie dürfen mich nicht weiter befragen.“
Das Vernommene erschütterte mich seltsam ... Eigentlich war es ja nichts Neues, Unerwartetes ... Ich hatte niemals angenommen, daß ich Nettis erster Mann sei. Es wäre Torheit gewesen, zu glauben, daß eine lebensvolle, gesunde Frau mit schönem Leib und schöner Seele, das Kind einer freien, hochkultivierten Rasse, bis zu unserer Begegnung ohne Liebe gelebt habe. Weshalb also meine unbegreifliche Verblüffung? Ich vermochte keine Erklärung dafür zu finden, kannte bloß ein Gefühl: ich müsse alles erfahren, alles genau und klar wissen. Enno zu befragen, ging offensichtlich nicht an. Ich erinnerte mich an Nella.
Netti hatte vor ihrer Abfahrt zu mir gesprochen: „Vergiß Nella nicht; suche sie auf in deinen schweren Augenblicken.“ Ich hatte schon mehr als einmal daran gedacht, zu Nella zu gehen, war aber zum Teil durch meine Arbeit, zum Teil durch die unklare Angst vor den Hunderten von neugierigen Kinderaugen zurückgehalten worden. Jetzt jedoch schwand jegliche Unentschlossenheit; noch am gleichen Tag begab ich mich nach dem Haus der Kinder, in die große Maschinenstadt.
Nella ließ sogleich ihre Arbeit liegen, bat eine der Erzieherinnen, sie zu vertreten und führte mich in ihre Stube, wo uns die Kinder nicht stören würden.
Ich beschloß, ihr nicht sofort den Zweck meines Besuches zu bekennen, umsomehr, als mir dieser Zweck auch selbst nicht recht vernünftig und ganz richtig erschien. Es war ja vollkommen natürlich, daß ich das Gespräch auf jenes Wesen lenkte, das uns beiden das teuerste war, und dann den günstigsten Augenblick für meine Frage abwartete. Nella erzählte voller Eifer von Netti, deren Kindheit und Jugend.
Ihre ersten Lebensjahre hatte Netti bei der Mutter verbracht, wie dies auf dem Mars allgemein üblich war. Als dann die Zeit kam, da Netti ins Haus der Kinder gebracht werden mußte, damit sie nicht den erzieherischen Einfluß des Umgangs mit anderen Kindern entbehre, brachte es Nella nicht übers Herz, sich schon von ihr zu trennen und lebte mit ihr zusammen in dieser Anstalt, wo sie dann schließlich als Erzieherin blieb. Das ergab sich zum Teil aus ihrem Spezialstudium: sie hatte sich vornehmlich mit Psychologie befaßt.
Netti war ein lebhaftes, energisches, wildes Kind mit großem Wissens- und Tatendurst. Am meisten interessierte und zog sie die geheimnisvolle astronomische Welt jenseits des Planeten an. Die Erde, die zu erreichen damals noch nicht gelungen war, und deren unbekannte Menschheit waren Nettis Lieblingstraum, das Hauptthema ihrer Gespräche mit den anderen Kindern und den Erwachsenen.