Als der Bericht über Mennis erste erfolgreiche Expedition nach der Erde veröffentlicht wurde, verlor das kleine Mädchen vor Freude und Entzücken fast den Verstand. Die kleine Netti kannte Mennis Bericht Wort für Wort auswendig und quälte die Mutter sowie die Erzieherinnen ewig mit Fragen über die ihr unverständlichen technischen Ausdrücke, die in dem Bericht vorkamen. Netti verliebte sich in Menni, ohne ihn zu kennen, schrieb ihm einen begeisterten Brief, flehte ihn unter anderem an, er möge sie zu den Erdenkindern bringen, denen keine Erziehung zu Teil werde, sie übernehme es, diese auf vortreffliche Art zu erziehen. Sie schmückte ihr Zimmer mit Erdenbildern und den Porträts der Erdenmenschen und stürzte sich auf das Studium der Erdensprachen, sobald die dazu nötigen Bücher erschienen waren. Sie entrüstete sich über die Gewalt, mit der Menni und dessen Gefährten dem ersten Erdenmenschen begegnet waren: sie hatten ihn gefangen genommen, damit er ihnen beim Erlernen der Erdensprachen behilflich sei; zur gleichen Zeit jedoch bedauerte sie heftig, daß Menni und die seinen bei der Rückkehr in die Heimat den Erdenmenschen freigelassen und nicht nach dem Mars mitgenommen hatten. Sie faßte den festen Entschluß, eines Tages nach der Erde zu fliegen, und auf die Scherze der Mutter, sie würde sich dort sicher mit einem Erdenmenschen verheiraten, entgegnete sie sinnend: „Das ist sehr möglich.“

All diese Dinge hatte mir Netti niemals erzählt; in ihren Gesprächen schien sie vielmehr der Vergangenheit auszuweichen. Selbstverständlich konnte niemand, nicht einmal sie selbst, jene Dinge besser berichten, als Nella. Bisweilen vergaß ich völlig meine Person, sah vor mir das reizende kleine Mädchen mit den großen funkelnden Augen und der rätselhaften Sehnsucht nach der fernen, fernen Welt ... Doch verging diese Stimmung rasch, das Bewußtsein meiner Umgebung kehrte zurück und damit auch die Erinnerung an den Zweck unseres Gesprächs; von neuem drang eisige Kälte in meine Seele.

Als sich das Gespräch den letzten Jahren aus Nettis Leben zuwandte, beschloß ich, meine Frage zu stellen, mich so ruhig und ungezwungen wie nur möglich nach Nettis und Sternis Verhältnis zu erkundigen. Nella dachte einen Augenblick lang nach.

„Also deshalb suchten Sie mich auf! ... Weshalb sagten Sie es nicht gerade heraus?“

Unerbittliche Strenge klang aus ihrer Stimme. Ich schwieg.

„Selbstverständlich kann ich es Ihnen erzählen“, fuhr sie fort. „Es ist eine ganz einfache Geschichte. Sterni war einer von Nettis Lehrern. Er hielt den Jüngeren Vorträge über Mathematik und Astronomie. Als er von seiner ersten Expedition nach der Erde zurückkehrte, – ich glaube, dies war Mennis zweite Expedition, – hielt er eine Reihe Vorträge über diesen Planeten und dessen Bewohner. Netti zählte zu seinen ständigen Hörern. Die Geduld und Aufmerksamkeit, mit der er ihren ewigen Fragen begegnete, brachte die beiden einander näher. Schließlich führte all dies zu ihrer Verbindung. Beide waren grundverschiedene Charaktere. Das Ergebnis der Verschiedenheit zeigte sich bald auch in ihrem Privatleben, führte zur Entfremdung und schließlich zum Bruch. Das ist alles.“

„Sagen Sie mir, wann kam es zum Bruch?“

„Zum endgültigen Bruch kam es nach Lettas Tode. Die innige Freundschaft zwischen Netti und Letta gab dazu den ersten Anstoß. Netti litt unter Sternis analytisch kaltem Verstand; er zerstörte allzu systematisch und hartnäckig alle Luftschlösser, alle Phantasien des Geistes und des Gefühls, die für sie einen Teil des Lebens bedeuten. Unwillkürlich suchte sie nach einem Menschen, der sich diesen Dingen gegenüber anders verhielt. Und dem alten Letta eigneten ein selten teilnahmsvolles Herz sowie ein schier kindlicher Enthusiasmus. Netti suchte in ihm jenen Gefährten, dessen sie bedurfte: Letta hatte mit ihren Phantasien nicht nur Geduld, sondern ließ sich auch häufig selbst von ihnen fortreißen. Bei ihm konnte sie von der strengen selbstzerfleischenden Kritik Sternis Erholung finden. Letta liebte gleich ihr die Erdenträume und Phantasien, glaubte an die künftige Verbindung der beiden Welten, die eine herrliche Blüte und eine gewaltige Lebenspoesie zur Folge haben würde. Als dann Netti erfuhr, daß ein Mensch, in dessen Seele derartige Gefühle verborgen lagen, niemals Frauenliebe und Zärtlichkeit kennen gelernt habe, konnte sie sich damit nicht abfinden. Auf diese Art kam Nettis zweiter Bund zustande.“

„Einen Augenblick“, unterbrach ich sie. „Verstehe ich Sie recht, Sie sagten, Netti sei Lettas Frau gewesen?“

„Ja“, erwiderte Nella.