„Sie sagten aber doch, daß der endgültige Bruch mit Sterni erst nach Lettas Tode erfolgte.“
„Ja; erscheint Ihnen dies unbegreiflich?“
„Nein, ich verstehe Sie, wußte bloß nicht darum.“
In diesem Augenblick wurde unser Gespräch unterbrochen. Eines der Kinder hatte einen nervösen Anfall erlitten und einer der Schüler rief Nella. Ich blieb eine Zeitlang allein. Die Gedanken wirbelten durch meinen Kopf; mir war so seltsam zumute, daß ich dies in Worten nicht auszudrücken vermag. Weshalb eigentlich? Es war doch nichts Besonderes vorgefallen. Netti war ein freier Mensch, hatte als freier Mensch gehandelt. Letta ist ihr Mann gewesen? Ich hatte ihn stets verehrt, für ihn warme Zuneigung empfunden, hätte ihn selbst dann geliebt, wenn er sich nicht für mich geopfert haben würde. Netti war also gleichzeitig mit zwei Genossen verheiratet gewesen? Ich hatte immer gefunden, daß die Monogamie in unserer Welt ausschließlich den wirtschaftlichen Bedingungen entspringe, die den Menschen bei jedem Schritt begrenzen und hemmen. Hier existierten diese Bedingungen nicht, auf dem Mars herrschten andere Verhältnisse, die dem persönlichen Gefühl und den persönlichen Verbindungen keine Fesseln anlegten. Woher kam aber meine Erregung und der unbegreifliche Schmerz, über den ich aufschreien, dann aber wieder lachen hätte mögen? Konnte ich das, was ich dachte, nicht auch fühlen? Anscheinend nicht. Und mein eigenes Verhältnis zu Enno? Wo blieb da meine Logik? Und was bin ich eigentlich? Welch törichte Stimmung!
Ach ja, und auch dies berührte mich peinlich: weshalb hatte Netti nicht mit mir darüber gesprochen? Wie viele Geheimnisse, wie viel Betrug umgeben mich noch? Wie viele harren meiner in der Zukunft? Aber nein, auch dies stimmt nicht! Geheimnisse, ja, aber kein Betrug. Ist aber nicht auch schon das Geheimnis ein Betrug?
Derartige Gedanken wirbelten durch meinen Kopf, als sich die Tür öffnete und Nella zurückkam. Sie las augenscheinlich von meinen Zügen ab, wie schwer mir ums Herz war, denn der Ton, mit dem sie sich an mich wandte, war frei von Strenge und Kälte.
„Es ist natürlich schwer“, meinte sie, „sich an die völlig fremden Lebensbedingungen und an die Sitten einer anderen Welt zu gewöhnen, mit der Sie keine Blutsverwandtschaft verbindet. Sie haben bereits in dieser Beziehung manchen Sieg errungen, finden Sie sich nun auch in diese Dinge. Netti glaubt an Sie, und mir scheint, daß sie recht hat. Ist etwa Ihr Vertrauen zu Netti, Ihr Glaube an sie schwankend geworden?“
„Weshalb verbarg sie diese Tatsache vor mir? Wo blieb da ihr Glaube? Ich begreife sie nicht.“
„Ich weiß nicht, weshalb sie so handelte. Doch bin ich davon überzeugt, daß sie hierfür gewichtige und edle Gründe hatte, es keineswegs aus kleinlichen Motiven tat. Vielleicht vermag Sie dieser Brief aufzuklären. Sie ließ ihn mir für den Fall zurück, daß wir ein derartiges Gespräch führen sollten, wie wir es heute taten.“
Der Brief war in meiner Muttersprache geschrieben, die Netti so gut beherrschte. Ich las folgendes: