„Mein Lenni! Ich sprach niemals mit Dir über meine früheren persönlichen Verhältnisse, doch geschah es keineswegs deshalb, weil ich Dir irgendetwas aus meinem Leben verheimlichen wollte. Ich vertraue fest auf Deinen klaren Kopf und Dein edles Herz; zweifle gar nicht daran, daß Du, wie auch immer fremd und ungewohnt unsere Sitten für Dich sein mögen, sie zu verstehen und richtig zu werten vermagst.

Eines jedoch fürchtete ich ... Nach der Krankheit kehrte Deine Arbeitskraft rasch zurück, jenes seelische Gleichgewicht hingegen, von dem in jeder Minute die Selbstbeherrschung in Wort und Tat abhängt, hast Du noch nicht völlig wiedererlangt. Würdest Du Dich, beeinflußt vom Augenblick und von der elementaren Gewalt, die in der Tiefe jeder Menschenseele verborgen liegt, mir gegenüber wie gegen eine schlechte Frau verhalten, die sich aus der Vergewaltigung und Sklaverei der alten Welt befreit hat – Du würdest es Dir selbst niemals verzeihen. Ja, Teuerster, ich weiß es, Du bist gegen Dich selbst streng, bisweilen sogar grausam – diesen Zug brachtest Du aus Eurer harten Schule mit, aus den jahrhundertealten Kämpfen der Erdenwelt – eine einzige Sekunde böser, schmerzlicher Entzweiung würde genügen, um in Deinem Herzen auf unsere Liebe für immer einen dunklen Schatten zu werfen.

Mein Lenni, ich will und kann Dich beruhigen. Möge in Deiner Seele ewig schlummern und niemals erwachen jenes böse Gefühl, das in die Liebe zu einem Menschen die Unruhe und Sorge um ein lebendiges Eigentum mischt. Ich werde keine persönlichen Verhältnisse mehr haben. Das vermag ich Dir leicht und mit Bestimmtheit zu versprechen, weil im Vergleich zu meiner Liebe für Dich, zu dem leidenschaftlichen Wunsch, Dir bei Deiner großen lebendigen Aufgabe zu helfen, alles andere gering und nichtig erscheint. Ich liebe Dich nicht nur wie eine Gattin, sondern auch wie eine Mutter, die ihr Kind in ein neues und ihm fremdes Leben einführt, das voller Gefahren und Mühen ist. Diese Liebe aber ist stärker und tiefer, als irgendeine andere Liebe zwischen Mensch und Mensch. Deshalb bedeutet auch mein Versprechen kein Opfer.

Auf Wiedersehen, mein teueres, geliebtes Kind,
Deine Netti.“

Als ich den Brief zu Ende gelesen hatte, blickte mich Nella fragend an.

„Sie hatten Recht“, sprach ich und küßte ihr die Hand.

Auf der Suche

Der oben geschilderte Vorfall ließ in meiner Seele das Gefühl tiefster Demütigung zurück. Noch weit schmerzlicher als früher empfand ich die Ueberlegenheit meiner Umgebung, in der Fabrik und überall. Zweifellos übertrieb ich diese Ueberlegenheit sowie das Gefühl der eigenen Schwäche. Ich begann in der mich umgebenden Dienstbereitschaft und Fürsorge eine leichte Färbung halb verächtlicher Herablassung zu sehen, in der vorsichtigen Zurückhaltung meiner Arbeitsgefährten eine heimliche Abneigung gegen das niedrigere Wesen. In einer derartigen Stimmung verlor ich die Fähigkeit genauer Beobachtung und richtiger Wertung.

In allen anderen Beziehungen blieben meine Gedanken klar, arbeiteten nun vor allem an dem Problem, das sich auf Nettis Abreise bezog. Ich fühlte immer stärker die Ueberzeugung, daß es für Nettis Teilnahme an der Expedition ein mir noch unbekanntes Motiv gab, eines, das stärker und gewichtiger war, als jene, die sie mir gegenüber vorgebracht hatte. Der neue Beweis von Nettis Liebe und von der ungeheueren Bedeutung, die sie meiner Mission, die zwei Welten einander nahe zu bringen, beilegte, bestärkte mich in der Annahme, daß sie sich ohne zwingende Gründe nicht entschlossen haben würde, mich für lange Zeit auf dem tiefen, durch Sandbänke und Klippen gefahrvollen Meer des fremden Lebens allein zu lassen, mußte doch ihr heller und scharfer Verstand besser als jeder andere begreifen, welche Gefahren mich hier bedrohten. Es gab etwas, um das ich nicht wußte, doch war ich fest überzeugt, dieses Etwas stehe in enger Verbindung mit mir, und es sei nötig, um jeden Preis zu erfahren, worum es sich handle.

Ich beschloß, systematisch Nachforschungen anzustellen. Es fielen mir Beobachtungen ein, zu denen mich einige zufällige und unwillkürliche Andeutungen Nettis veranlaßt hatten: der beunruhigte Ausdruck, der auf ihrem Gesicht lag und mich in Erstaunen versetzte, sobald die Rede auf die Kolonialexpeditionen kam; ich begann zu ahnen, daß Netti sich zu unserer Trennung nicht erst damals entschlossen hatte, als sie mir davon sprach, sondern bereits weit früher, schon in den ersten Tagen unserer Vereinigung. Demnach mußte der Grund aus jener Zeit stammen. Wo aber war er zu suchen?