Er konnte eine rein persönliche Angelegenheit Nettis sein, konnte aber auch mit der besonderen Bedeutung der Expedition zusammenhängen. Die erste Annahme erschien mir, nachdem ich Nettis Brief gelesen hatte, unwahrscheinlich. Vor allem galt es also, die Einzelheiten zu erforschen, mit jenen zu beginnen, die die Geschichte dieser Expeditionen zu erklären vermochten.
Es verstand sich von selbst, daß die Expedition auf den Beschluß der „Kolonialgruppe“ zurückzuführen war. – Diesen Namen trug die Vereinigung jener Arbeiter, die aktive Teilnehmer der interplanetarischen Reisen waren, zusammen mit dem Vorsitzenden des Zentralen statistischen Bureaus und jener Fabriken, die die Aetheroneffs herstellten, sowie alle für die Expedition unentbehrlichen Mittel. Ich wußte, daß die letzte Sitzung der „Kolonialgruppe“ während meiner Krankheit stattgefunden hatte. Menni und Netti hatten an ihr teilgenommen. Damals befand ich mich bereits auf dem Wege der Genesung, langweilte mich ohne Netti und verlangte, ebenfalls der Sitzung beizuwohnen. Netti jedoch erwiderte, dies wäre gefährlich für meine Gesundheit. Hing diese „Gefahr“ vielleicht von etwas ab, das ich nicht wissen durfte? Ich mußte demnach das Protokoll der Sitzung lesen, dort alles suchen, was mit dieser Frage in Zusammenhang stehen konnte.
Doch stieß ich bereits hier auf Schwierigkeiten. In der Kolonialbibliothek wurde mir nur die auf der Sitzung gefaßte Resolution vorgelegt. In dieser Resolution wurde bis in alle Einzelheiten die ganze Organisation des grandiosen Unternehmens geschildert, doch fand ich nirgends das, was mich im Augenblick interessierte. Ich erhielt auf meine Fragen keine Antwort. Die Resolution wurde ohne jedes Motiv wiedergegeben, ohne irgendeinen Hinweis auf die Ausführungen, die ihr vorangegangen waren. Als ich dem Bibliothekar erklärte, ich wolle das Protokoll, erwiderte er, das Protokoll werde nicht veröffentlicht, außerdem würden detaillierte Protokolle überhaupt nicht geführt, wie dies auch bei den technischen Sitzungen der Fall sei.
Auf den ersten Blick erschien mir dies richtig. Die Marsbewohner veröffentlichten meist nur die „Beschlüsse“ dieser Sitzungen, sie nahmen an, daß jede dort geäußerte verständige und nützliche Ansicht, sowie gegenteilige Meinungen und Auffassungen besser in Artikeln, Broschüren, Büchern usw. verfochten werden konnten, als in einer kurzen Rede. Ueberhaupt behagte es den Marsbewohnern nicht, die „Literatur“ übermäßig zu vermehren und man suchte bei ihnen vergeblich etwas, das unserer „Arbeitskommission“ gleichkam; sie bemühten sich, alles so wenig umfangreich wie möglich zu gestalten. Im gegebenen Fall jedoch schenkte ich den Worten des Bibliothekars keinen Glauben. Auf dieser Sitzung hatte es sich um große und gewichtige Dinge gehandelt, als daß man sie der öffentlichen Beurteilung hätte entziehen können, wie das bei den gewöhnlichen technischen Fragen der Fall war.
Ich versuchte selbstverständlich mein Mißtrauen zu verbergen, um keinerlei Verdacht zu erregen, vertiefte mich ergeben in das mir gewährte Material und entwickelte unterdessen den Plan meines weiteren Vorgehens.
Es war offensichtlich, daß ich von den Büchern der Bibliothek nicht jene erhalten würde, deren ich bedurfte; entweder gab es über diese Angelegenheit gar kein Protokoll, oder aber der Bibliothekar war auf meine Fragen vorbereitet gewesen und versteckte es vor mir. Doch blieb noch die Phonographen-Abteilung der Bibliothek übrig.
Dort konnten auch jene Protokolle, die nicht zur Veröffentlichung freigegeben wurden, gefunden werden. Der Phonograph ersetzte bei den Marsbewohnern häufig die Stenographie, und in den Archiven wurden viele phonographische Platten der verschiedenen wichtigen Versammlungen aufbewahrt.
Ich benützte den Augenblick, da der Bibliothekar in seine Arbeit vertieft war und verfügte mich unbemerkt in die Phonographen-Abteilung. Dort erbat ich von dem diensthabenden Genossen den Katalog der Platten. Er gab ihn mir.
Aus dem Katalog ersah ich gar bald die Nummer der Platte der mich interessierenden Sitzung und ich begab mich unter dem Vorwand, daß ich den Genossen nicht belästigen wolle, selbst auf die Suche. Auch hier errang ich einen Erfolg.
Es gab von dieser Sitzung fünfzehn Phonogramme. An jeder der Platten war entsprechend dem hier üblichen Brauch ein Inhaltsverzeichnis befestigt. Ich studierte rasch diese Verzeichnisse.