Die glühende Sommersonne schien das Eis, in dem das Leben des Landes erstarrt war, zu schmelzen. Es erwachte, und die Morgenröte neuer Stürme zeigte sich am Horizont. Aus der Tiefe drang von neuem dumpfes Murren. Diese Sonne, dieses Erwachen erwärmten meine Seele, steigerten meine Kräfte; ich fühlte, bald würde ich gesünder sein, als ich es je zuvor gewesen.
In dieser Stimmung unklarer Lebensfreude wollte ich nicht mehr an die Vergangenheit denken. Das Bewußtsein, ich sei von der ganzen Welt, von allen vergessen, tat mir wohl ... Für die Genossen wollte ich erst zu einer Zeit auferstehen, da es keinem mehr einfallen würde, mich über die Jahre meiner Abwesenheit zu befragen, es für derartiges kein Interesse geben und meine Vergangenheit in den stürmischen Wogen einer neuen Flut versunken sein werde. Bemerkte ich jedoch Tatsachen, die diese meine Hoffnung als zweifelhaft erscheinen ließen, so erfaßten mich Erregung und Unruhe, sowie eine sinnlose Feindseligkeit gegen jene, die sich noch an mich erinnern konnten.
An einem Sommerabend fand sich Werner bei der Rückkehr aus dem Krankenhaus nicht, wie gewöhnlich, im Garten ein, um sich zu erholen – er bedurfte dieser Erholung, denn der Rundgang durchs Krankenhaus ermüdete ihn sehr, – sondern suchte mich auf und begann mich ausführlich über mein Befinden zu befragen. Mir schien, als strenge er sich an, meine Antworten im Gedächtnis zu behalten. Das war etwas ungewöhnliches, und ich glaubte, er habe vielleicht durch einen Zufall meine kleine Verschwörung entdeckt. Doch merkte ich bald, daß er keinerlei Verdacht hege. Dann verließ er die Stube und begab sich in sein Arbeitszimmer. Erst eine halbe Stunde später sah ich durchs Fenster, daß er in seiner dunklen Lieblingsallee spazieren ging. Ich konnte nicht umhin, diese Kleinigkeiten zu beobachten, gab es ja in meiner Umgebung keinerlei große Vorfälle und Ereignisse. Nachdem ich verschiedene Vermutungen verworfen hatte, kam ich zu der allerwahrscheinlichsten Lösung, Werner wolle vielleicht auf eine besondere Aufforderung hin jemandem über meine Gesundheit einen Bericht schreiben. Die Post wurde ihm allmorgendlich in sein Arbeitszimmer gebracht, – vielleicht hatte er heute einen Brief erhalten, der sich nach mir erkundigte.
Von wem war dieser Brief, was bezweckte er? Ich mußte dies unbedingt erfahren, um meine Seelenruhe wiederzufinden. Werner selbst zu befragen, wäre vergeblich gewesen – er schien einen besonderen Grund zu haben, mir den Brief zu verheimlichen, hätte sonst von selbst darüber gesprochen. Ob vielleicht Wladimir etwas wußte? Aber es erwies sich, daß auch ihm nichts bekannt war. Ich überlegte, auf welche Art und Weise ich die Wahrheit erfahren könnte.
Wladimir war zu jedem Dienst bereit. Meine Neugierde erschien ihm völlig berechtigt, Werners geheimnisvolles Wesen hingegen fand er unbegründet. Er scheute sich nicht, Werners Zimmer einer wahren Durchsuchung zu unterziehen, desgleichen das medizinische Kabinett, doch fand er nichts Interessantes.
„Entweder hat er den Brief eingesteckt“, meinte Wladimir, „oder aber zerrissen und fortgeworfen.“
„Wohin wirft er gewöhnlich die zerrissenen Briefe und Papiere?“ fragte ich.
„In den Korb, der unter dem Tisch seines Arbeitszimmers steht.“
„Gut, bringen Sie mir alle Papiere, die Sie im Korb finden.“ Wladimir ging und kehrte eiligst zurück.
„Es sind gar keine Papiere im Korb“, erklärte er. „Doch fand ich diesen Briefumschlag, den er, dem Stempel nach, heute erhalten haben muß.“