„Mag sein. Wäre es aber nicht viel leichter gewesen, unter den Proletariern, die die Basis und die Kraft unserer Bewegung bedeuten, das richtige zu finden?“
„Ja, es wäre richtiger gewesen, dort zu suchen. Aber ... ich hätte bei ihnen nicht das gefunden, was mir unentbehrlich schien: die umfassende, vielseitige Bildung, die höchste Stufe Ihrer Kultur. Diese Tatsache lenkte mein Suchen nach der anderen Seite.“
So sprach Menni. Seine Annahme bewahrheitete sich nicht. Bedeutet dies, daß er überhaupt keinen Erdenmenschen hätte mitnehmen dürfen, daß der Unterschied zwischen den beiden Kulturen ein unüberbrückbarer Abgrund ist, über den der Einzelne nicht hinüberzugelangen, und den bloß die Gesellschaft zu besiegen vermag? Das zu glauben, wäre für mich persönlich ein großer Trost, doch zweifle ich ernstlich daran. Ich glaube vielmehr, daß sich Menni in jener Ansicht, die unsere Arbeitergenossen betrifft, geirrt habe.
Wodurch erlitt ich Schiffbruch?
Die erste Ursache war vielleicht der Umstand, daß sich eine Unmenge Eindrücke des fremden Lebens auf meinen Geist stürzte, daß deren Reichhaltigkeit mein Bewußtsein überflutete und die Ufer verwischte. Mit Nettis Hilfe überlebte ich die Krise und fand mich wieder zurecht. Aber war nicht diese Krise selbst die Folge jener erhöhten Empfindsamkeit, jener verfeinerten Wahrnehmung, die rein geistig arbeitenden Menschen eigen ist? Würde vielleicht einer primitiveren, etwas weniger komplizierten, widerstandsfähigeren und einfacheren Natur alles leichter gefallen, und für sie der rasche Uebergang weniger schmerzlich gewesen sein? Vielleicht wäre es für den mindergebildeten Proletarier weniger schwer gewesen, sich in ein neues, höheres Dasein zu finden, freilich hätte er weit mehr Neues lernen müssen, doch wäre in seinem Fall nicht nötig gewesen, so viel Altes zu verlernen, und gerade dies ist das schwerste ... Mir scheint, daß ich in dieser Hinsicht recht habe und daß sich in Mennis Berechnung ein Fehler eingeschlichen hatte, indem er dem Kulturniveau mehr Bedeutung beimaß, als der kulturellen Entwicklungskraft.
Ferner wurden meine Seelenkräfte von dem Charakter jener Kultur zermalmt, an die ich mich mit meinem ganzen Wesen anzupassen versuchte. Ihre Erhabenheit erdrückte mich, die Tiefgründigkeit ihrer sozialen Bande, die Reinheit und Durchsichtigkeit der Verhältnisse zwischen Mensch und Mensch. Sternis Rede, die auf etwas plumpe Art die Unermeßlichkeit der zwei Lebenstypen beleuchtete, war bloß die Veranlassung, der letzte Anstoß, der mich in die Untiefe stürzte, an deren Rand mich mit elementarer, unbezwinglicher Kraft der Widerspruch zwischen meinem Innenleben und dem ganzen sozialen Milieu, in der Fabrik, der Familie, der Gesellschaft, unter Freunden getrieben hatte. Und abermals muß ich fragen, ob diese Widersprüche nicht gerade bei mir doppelt so stark und scharf fühlbar wurden, bei mir, dem revolutionären Intellektuellen, der neun Zehntel seiner Arbeit entweder in der Einsamkeit verrichtet hatte, oder zumindest unter Bedingungen, die ihn von seinen auf einer anderen Bildungsstufe stehenden Mitarbeitern absonderten? Bei mir, dessen Persönlichkeit sich von den anderen abgesondert hatte? Würden sich diese Widersprüche nicht weit schwächer bei einem Menschen ausgewirkt haben, der neun Zehntel seines Arbeitslebens auf primitive, undifferenzierte Art verbracht, sich aber stets in einem Kameradenkreis aufgehalten hatte, mit diesem durch eine grobe, aber tatsächliche Gleichheit verbunden? Mir schien, daß dem so sei, und daß Menni seinen Versuch in anderer Richtung wiederholen müßte ...
Zwischen den beiden von mir erlittenen Schiffbrüchen hatte es eine Zeit der Entschlossenheit und der männlichen Tatkraft im Kampfe gegeben. Das, was damals meine Kraft aufrecht erhielt, half mir auch heute ohne ein Gefühl allzu großer Demütigung den Abschluß zu machen: Nettis Liebe.
Freilich war Nettis Liebe ein edler und liebevoller Irrtum gewesen, dennoch war eine solche Liebe möglich; diese Tatsache konnte durch nichts und niemanden weggeleugnet und verändert werden. Für uns bedeutete sie eine Bürgschaft für die tatsächliche Annäherung der beiden Welten, und für ihre künftige Verschmelzung zu einer einzigen, ungeahnt schönen und starken Welt.
Und ich selbst ... Für mich gibt es keinen Abschluß. Für das neue Leben war ich nicht geeignet, nach dem alten verlangt es mich nicht mehr. Ich gehöre ihm nicht mehr an, weder den Gedanken, noch den Gefühlen nach. Es gibt nur einen Ausweg.
Die Zeit ist vorüber. Mein Spießgeselle erwartet mich im Garten; eben hörte ich sein Signal. Morgen werden wir bereits fern von hier sein, auf dem Wege dorthin, wo das Leben brodelt und die Ufer überflutet, wo es leicht sein wird, die mir so verhaßte Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft zu verwischen. Leb wohl, Werner, guter, alter Genosse.