Es gelang mir, den Granatsplitter zu entfernen, doch waren die Lungen verletzt und Leonid befand sich in einem kritischen Zustand. Ich brachte den Kranken so gut wie möglich unter, freilich konnte ich ihm nicht das geben, dessen er am meisten bedurfte: die völlige Ruhe, die ihm so sehr not tat. Am Morgen begann die Schlacht von neuem, ihr Dröhnen drang bis zu uns. Die unruhige Erwartung des Ausgangs der Schlacht verstärkte Leonids Fieber. Als noch weitere Verwundete eingebracht wurden, steigerte sich seine Erregung, und ich war gezwungen, vor sein Bett einen Wandschirm zu stellen, damit er die fremden Wunden nicht sehe.
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Nach etwa vier Stunden ging der Kampf bereits seinem Ende zu, und der Ausgang war klar ersichtlich. Ich war mit der Unterbringung der Verwundeten beschäftigt. Da wurde mir die Karte jener Frau gebracht, die sich vor einigen Wochen schriftlich nach Leonids Befinden erkundigt und mich nach Leonids Flucht aufgesucht hatte. Ich sandte sie damals mit einem Empfehlungsschreiben zu Ihnen, damit sie in Leonids Manuskript Einsicht nehme. Sie war zweifellos eine Genossin und anscheinend Aerztin. Deshalb führte ich sie in mein Zimmer. Sie trug auch heute wie damals einen dichten schwarzen Schleier, der ihre Züge völlig verdeckte.
„Ist Leonid bei Ihnen?“ fragte sie, ohne mich zu begrüßen.
„Ja“, erwiderte ich, „doch darf er sich keiner Aufregung aussetzen; wenngleich seine Verwundung eine ernste ist, so hoffe ich dennoch, ihn heilen zu können.“
Sie stellte hastig eine Reihe von Fragen an mich, die den Zustand des Verwundeten betrafen. Dann erklärte sie, ihn sehen zu wollen.
„Wird das Wiedersehen ihn nicht aufregen?“ fragte ich.
„Zweifellos“, lautete die Antwort. „Doch wird ihm diese Aufregung weit mehr nützlich als schädlich sein. Dafür kann ich Ihnen bürgen.“
Ihre Stimme klang entschlossen und sicher. Ich fühlte, daß sie genau wisse, was sie sage und konnte ihre Bitte nicht abschlagen. Wir begaben uns in jenen Raum, wo Leonid lag und ich zeigte mit einer Gebärde, sie möge sich hinter den Wandschirm begeben. Ich selbst verharrte in der Nähe, am Bett eines anderen Schwerverwundeten, um den ich mich bemühte. Es verlangte mich danach, das Gespräch der Frau mit Leonid zu erlauschen, um eingreifen zu können, sobald dies notwendig wurde.
Während sie sich hinter den Schirm begab, hob sie ein wenig den Schleier. Ich erblickte ihre Silhouette durch das undichte Gewebe des Schirms und sah, wie sie sich zu dem Verwundeten niederbeugte.