„Hier“, und er wies auf die Tür des vierten Zimmers, „befindet sich das kleine Luftschiff, in dem wir uns nach dem Aetheroneff begeben werden. Vorher aber muß ich noch eine kleine Verwandlung bewerkstelligen. In dieser Maske fiele es mir schwer, das Schiff zu lenken.“ Er knöpfte den Kragen auf, nahm zugleich mit den Brillen die erstaunliche Maske ab, die wir, sowohl ich wie alle anderen, bis dahin für sein wahres Gesicht gehalten hatten. Ich war von dem sich mir bietenden Anblick äußerst verblüfft. Mennis Augen waren ungeheuer groß, waren größer, als dies Menschenaugen je zu sein pflegen. Die Pupillen waren sogar für diese unnatürlich großen Augen außerordentlich geweitet, was einen schier erschreckenden Eindruck hervorrief. Der obere Teil des Gesichtes und der Schädel waren so breit, wie dies bei den großen Augen notwendig schien, hingegen war der untere, völlig bartlose Teil des Gesichtes ungewöhnlich klein. All das machte einen sehr originellen Eindruck, gemahnte an eine Mißgeburt, doch keineswegs an eine Karikatur.
„Sie sehen, was für ein Aeußeres mir die Natur gab“, sprach Menni. „Werden begreifen, daß ich es verbergen muß, schon um die Menschen nicht zu erschrecken, mehr noch aber aus konspirativen Gründen. Sie jedoch müssen sich an meine Häßlichkeit gewöhnen, denn Sie werden gezwungen sein, lange Zeit mit mir zu verbringen.“
Er öffnete die Tür des anstoßenden Zimmers und entzündete das Licht. Ich erblickte einen großen Saal. In der Mitte lag ein kleiner, ziemlich breiter Kahn aus Metall und Glas. Vorderteil, Bord und Boden bestanden aus Glas und Stahlgeflecht; die durchsichtigen Wände von etwa zwei Zentimeter Dicke waren augenscheinlich sehr fest. Am Vorderteil des Schiffes befanden sich, in einem spitzen Winkel vereinigt, zwei starke Kristallplatten; diese mochten die Luft zerschneiden und gleichzeitig die Passagiere gegen den durch die rasche Bewegung erzeugten Wind schützen. Die Maschine füllte den Mittelteil des Schiffes aus, die Schrauben und die etwa einen halben Meter breiten Schaufeln nahmen den Hinterteil des Schiffes ein. Der halbe Vorderteil des Schiffes, sowie die Maschinen waren von einem feinen, dünnplattigen Schutzdach bedeckt; den Glasbord verstärkten Metallbänder und leichte Stahlsäulen. Das Ganze war fein und zierlich wie ein Spielzeug.
Menni gebot mir, auf der Seitenbank der Gondel Platz zu nehmen, dann verlöschte er das elektrische Licht und öffnete das riesige Saalfenster. Er selbst setzte sich vorne an die Maschine und warf aus der Gondel einige Säcke Ballast. Das Schiff zitterte, setzte sich langsam in Bewegung und schwebte lautlos zum offenen Fenster hinaus.
„Dank der Minus-Materie“, sagte Menni, „brauchen unsere Aeroplane nicht die wichtigtuerischen und ungelenken Flügel.“
Ich saß wie angeschmiedet, wagte nicht, mich zu rühren. Der Lärm der Schrauben wurde immer stärker, die kalte Winterluft überströmte uns, kühlte mir das glühende Gesicht, doch vermochte sie nicht durch meine warmen Kleider zu dringen. Ringsum funkelten, schwebten tausend Sterne, und unter uns ... Durch den durchsichtigen Boden der Gondel sah ich, wie die dunklen Flecken der Häuser immer kleiner wurden und die hellen Pünktchen der elektrischen Lampen immer mehr in der Ferne verschwammen; in der Tiefe leuchteten die schneeigen Ebenen unter dem düsteren, blaßblauen Himmel. Das Gefühl des Schwindels, das mich zuerst leicht und fast angenehm gedeucht hatte, nahm heftig zu, und ich schloß die Augen, um ihm zu entkommen.
Schärfer wurde die Luft, mächtiger der Lärm der Schrauben und das Pfeifen des Windes – augenscheinlich steigerte sich unsere Geschwindigkeit. Mein Ohr unterschied durch alle Geräusche einen feinen ununterbrochenen, gleichmäßigen, silbrigen Ton – die Luft peitschend, erschütterte dieser die Glaswände der Gondel. Eine seltsame Musik erfüllte das Bewußtsein, die Gedanken verwirrten sich, verschwanden, zurück blieb einzig und allein das Gefühl einer elementar-leichten und ungehemmten Bewegung, die uns weitertrug, vorwärts, vorwärts in den unendlichen Raum.
„Vier Kilometer in der Minute“, sprach Menni, und ich öffnete die Augen.
„Ist es noch weit?“ fragte ich.
„Noch etwa eine Wegstunde auf eisgebundenem See.“