(Der Gastwirth küßt ihr bewegt die Hand) Kennst du —
(Die Dame ward frappirt) Wen?“
(Zu ihren Füssen stürzend) Deinen verstoßnen Sohn nimmer?
„Gott im Himmel mein Sohn! mein Jehnson! — Die Stirnnarbe!“ Sie umarmten sich zärtlich, und als die erste Begeisterung des Entzückens verflogen war, rief die Dame:
„Welch frohes Wiedersehen nach langen Jahren!“
Der Gastw. (im Erguß seiner Freude) Ja wohl nach langen, langen Jahren! Wie so unverhoft! O meine Mutter was hab ich gelitten, was hab ich erduldet, seit ich aus deinen mütterlichen Armen verstossen bin. Tausendmal wollt ich zurük an dein Herz, das mich immer zärtlich geliebt, tausendmal zurück in mein Vaterland fliehen, aber — ach, mein Vater —
Die Dame. Sohn — er ist — gestorben! Er hat —
Der Gastw. Gestorben? Gestorben? Ach, und hat auf seinem Sterbelager —
Die Dame. Den Fluch zurükgenommen, dich gesegnet!
Der Gastw. (freudig) Gesegnet? Gesegnet? O denn Ruhe, Ruhe seiner Asche — er hat mir ja verziehen, mich gesegnet! O meine Mutter! wie hat mich sein Fluch in der weiten Welt herumgejagt! Irrend in fremden Ländern, aus meinem Vaterland gestossen, lebte ich nur zur namenlosen Qual. Von einem Orte zum andern trieb es mich unaufhörlich, überall und überall verfolgte mich sein entrüstet Bild. Ueberall und immer klangen in meinen Ohren die Worte des Grimes: Fluch dir, Schande deines Vaters! Wo ich gieng und stand, wo ich schlief und wachte, und saß und eilte, klangs um mich und peitschte Ruhe und Frieden aus mir. Lange, lange, nach vielen Monden konnt ich Fremdling der Welt keinen Reiz meinem Leben abgewinnen: melankolisch war meine Seele und durchstürmt von tausend Martern, die mich oft zum verzweifelten Gedanken des Selbstmordes brachten. In dieser namenlos elenden Lage, meine Mutter! irrt ich umher in Gottes weiter Welt, ohne Obdach ohne Vater, ohne Mutter, ohne einem tröstenden Freunde; keine Seele nahm Antheil an meinem stillen Jammer, der noch immer folternder wurde, je länger ich aus meinem Vaterlande, von meinen Eltern verstossen, von Marlon getrennt, und vielleicht, ach vielleicht verwünscht in fremden Ländern herumschweifte. Bis ich endlich nach Norland kam, wo man mich unter das Kriegsheer steckte, das gegen meine itzige Heimath Germanien Krieg führte, bis ich hier im Schlachtgewühl betäubt nur den Retter verlangte, der meine Wunden heilen auf immer heilen konnte, den Tod. Aber ich fand den Ersehnten nicht. Zu meiner Stirnnarbe, die mir damals der entflammte Vater mit dem Schwerte schlug, als er mich fortjagte, gesellten sich neue Wunden — gefährlich, tödtlich nennt man sie, aber ich nannte sie heilsam, denn ich meinte der Tod würde diese Wunden bald heilen.