Die Dame. Mein armer, armer Jehnson!
Jehnson. Aber ich hatte falsch gerechnet — die Wunden bluteten noch als ich von den Deutschen gefangen ward. Doch welch eine Gefangenschaft! Freyheit, Freyheit war sie in diesem teutschen Lande! Die Normänner wurden einmal um das andermal geschlagen, und zum Frieden gezwungen. Ich ward wieder gesund, die Gefangenen erhielten die Willkühr, sich zurük zu begeben, oder wenn sie fleisige Glieder seyn wollten, da sich anzusetzen. Ich blieb da, man gab mir in wenig Monden das Bürgerrecht, und ich arbeitete für dies Land. Die Erinnerung an meine Unfälle ward nach und nach schwächer, ich fand Beruhigung und einige Vergessenheit in meinen Arbeiten. Die Baukunst war meine liebste Beschäftigung. Man gab mir Mitteln an die Hand, mich zu bilden, ich bemühte mich mit Freuden dieser Grosmuth gegen mich Fremdling werth zu seyn, und es gelang mir in einigen Jahren mich auszuzeichnen. Ich machte einen Riß für ein Gasthaus, und ward aufgemuntert das Gebäude nach der Angabe aufzuführen. Glüklicherweise stellt ich es her, und es übertraf an Simetrie, Feste und Bequemlichkeit des Baues alle noch stehenden Gasthöfe; das Kollegium der Edlen belohnte mich mit diesem besten Gasthofe da, wo ich nun seit vier Jahren in Frieden, aber doch nicht glüklich lebe. O wie oft sehnte ich mich, wenn es mir auch am besten gieng, an die Brust meiner Eltern — wie oft war ich schon auf der Reise zu dir gute Mutter; aber ich kannte des Vaters unversöhnliche Härte — ich empfand, daß mein Tropfen Freude dann nur noch gar vertroknen würde, wenn er erbittert mich nicht hätte sehen wollen; dann ward ich trübsinniger und gab mich meiner Melankolie preis. Ich segne die Stunde, die mich, Mutter! dich wiedersehen ließ. Sey mir tausendmal willkommen! Ich darf ja wieder mich an dein Herz drücken, der Vater nahm ja den Fluch von mir, er segnete mich!
Jehnson umarmte mit Sohnes Zärtlichkeit die gerührte Mutter, die den vielen Leiden ihres Jehnson manche Thräne weinte; sie erwiederte mütterlich und freudenvoll des Sohnes Umarmungen.
Glaube, mir lieber Sohn! — sprach sie nach einer Pause, in der sich beide den süssesten Gefühlen stumm überlassen hatten — Glaube mir, daß ich nie des Vaters harten übereilten Endschluß billigte. Ich sprach laut für dich, und gab mich dadurch seinem Ungestüm und vielen Vorwürfen blos. Nur zu oft dachte ich deiner. Wie wird es ihm ergehn? Wo irrt er herum, was wird er leiden, den ich unter meinem Herzen trug? So sprach ich zu mir in vielen bangen Stunden; und weinte im stillen Dunkel um dich. Vielleicht seh ich ihn nie wieder vor meinem Tode, nimmer der Mutter geliebten Sohn. Also ängstigte sich mein Herz. Marlon —
Jehnson. Meine Marlon — was ward aus Marlon?
Die Dame. Sie rang über deine Trennung mit der Verzweiflung. Kaum warst du wenige Wochen entwichen als in unsrer Monarchie ein fürchterliches Wetter los brach. Lohnstohn ihr Vater ward einiger Verbrechen wegen in die Jammerburg gesezt, die beiden Kinder nebst der ganzen Familie des Landes verwiesen. Marlon hatte einen Knaben gebohren; und ehe ihr Bruder noch als Geächteter das Land verließ, war sie bereits mit ihrem Kinde fort. Niemand wußte wohin? Man sprach, sie sey dir nachgefolgt, du hättest ihr den Vorschlag schriftlich gethan, mit dir in einem andern Lande sich zu vermählen, darüber ward dein Vater wüthend, und zog sich eine dreijahrwährende Krankheit zu. Seit dem wußt ich kein Sterbenswörtchen von euch Allen.
Jehnson. Barmherziger Himmel! Wo irrt nun Marlon mit dem Geschöpf herum, das meiner Schwachheit sein kümmerlich Leben verdankt! Wo soll ich sie finden? Ich hörte nie von ihr! Aber suchen will ich die Leidende! Suchen in aller Welt! Vielleicht führt mir ein seeliger Augenblik die Unvergeßliche zu, und ich kann den Kummer, den ich ihr bereitet habe, in Freude verwandeln! Aber — ach! vielleicht hat er sie schon lange getödtet!
Das ist nicht der Vater! unterbrach die Schwätzerinn Jadilla die Pause, nachdem sie lange Jehnson scheu angeblikt, und die Dame beim Kleide gezerrt hatte. — Gelt, du bist nicht Vater?
Liebliche Unschuld! — sprach Jehnson und nahm sie auf seine Arme, und küßte Jadillchen, die sich mit kindlichen Unwillen sträubte.
Du bist nicht Väterchen! — küssen — ey!