Die Briefe fielen ihm auf — Die Freunde kein Geheimnis sich verbergend, theilten sich jeden Gedanken mit, wenn der Eine oder der Andere es nur hören wollte: daher ergriff Sebald die Briefe — las — und erschrak, als er den an ihn gerichteten gelesen hatte.

Als wäre der Pallast auf ihn gestürzt, stand Sebald mit schwerem Herzen da.

Gott der Freundschaft! Was ist da geschehen — rief er und starrte unentschlossen, was er thun solle, die Papiere an. — Der Unglückselige — Wohin trieb ihn sein schrecklicher Irrthum —! Was unternimmt er! Eine Thräne deiner Blindheit will ich weinen — kaum verdienst du ja — Blödsinniger — — Ich liebe Lollyn? Ich wäre mit Lolly in der Laube gesessen? Narr! Deine edle Aufopferung für Freundschaft ist Grille — ha — wie könnt ich da glücklich seyn — glücklich, wenn dein Herz blutet! — Unseliger Irrthum! — Er rannte mit den Briefen in der Hand zu Tellmanns Gemach, und öffnete schon die Thüre. Das stille Dunkel des Ruhezimmers riß ihn plötzlich aus dem Traume, und errinnerte ihn, er habe vergessen daß es Mitternacht sey, und Tellmann schlafe.

„Weck ich den müden — erfährt er Salassins Entweichen — dann hab ich ihn um seine Ruhe gebracht! — Und was nützt das, wenn er itzo noch drum weiß? — Kann ich sagen wo der Verblendete hingeirrt ist? Können wir ihn finden?“ — Sebald begab sich zurück, und haderte mit der Nacht, die dem harmdurchdrungenen Bangen so lange nicht zu Ende schenkte, und kaum flüsterte des Morgens lauer Wind durch die Jalusien, als Tellmann die Geschichte erfuhr, und die Hände unwillig an einander schlagend vom Lager sprang.

Sein Edelmuth ist am unrechten Orte! Wo ist er hingerennt! Sebald sogleich auf Erkundigung! — sprach Tellmann, und rafte sich verstört zusammen.

Eben erwachte das Getümmel der Menschen auf den Strassen: Trompeten und Pauken schmetterten, und Musiken hallten vom Platz der kaiserlichen Residenz.

Ha! der Kaiser bricht auf! — scholl es überall. Wohin? — rief hier eine Schaar und steckte die Köpfe zusammen. In den Krieg! — schrien die Andern.

Gott gieb ihm Heil und Sieg! Gott erhalte ihn! — Erklang es allenthalben, und die unzählige Menge der Menschen, die sich wie der Blitz geschwind aus den Armen der Ruhe gerissen hatten, sobald das Abschiedszeichen ertönte, umgab den innigverehrten Monarchen, der dem kleinen Kriegsheere, so in der Stadt noch lag, vorausritt, sein Lebetwohl, meine Kinder! dem Volke zurief, das sein kaiserlich geschmücktes Roß kaum traben ließ, und Millionen Segenswünsche der Majestät nachrief.

Sebald lief inzwischen die Stadt ab und auf, ohne zu wissen warum?

„Ja wo sollte er Salassin aufzusuchen? Keine Spur — kein Wörtchen schrieb er von dem, wohin er fliehen würde. Ohne Zweifel — sagte Sebald — wird er in seine Heimat zurückgekehrt seyn, und dann auf Reisen gehen!“