Mit dem Strassengetümmel stand auch Bengler in dem Gasthof zur silbernen Narrheit auf. Lolly schlief die ganze Nacht sehr unruhig. Sie hatte trübe Ahnungen, die sich durch die Wonnegefühle des Wiedersehens drängten, und sich vermischten, daß dieses Empfindungsgemengsel einem süssen Weine gliech, in den man Meerwasser schüttet. Daß sie von dem träumte, an dem einzig und allein ihre ganze Seele hieng — das fragen doch meine Leser schon gar nicht! Sie sprang wohl zehnmahl vom Ruhebette an das Fenster, und liebäugelte mit dem Mond, der blaß und trübe sie anguckte. Und als die Nacht ihr Schattenkleid kaum abzustreifen begann, war Lolly die erste im ganzen Gasthofe munter und wach. Die Freude — heute morgen kommt er! erheiterte sie, wie die Morgensonne die Flur, und der Gedanken morgen seh ich ihn schon wieder nicht mehr! war ein trübes Wölkchen, das manchen Strahl der Wonne auffieng. Sie harrte voll banger Erwartung des Geliebten.

Der Kaiser war bereits aus der Stadt geleitet, das Volk begab sich allmählig an seine Taggeschäfte, der Morgen wich schon dem Mittage; aber Salassin — natürlich konnte Lollyn nicht erscheinen!

Wo mag er seyn? Was hält ihn ab zu mir zu kommen? Er versprach hoch und theuer mit dem frühesten Sonnenglanz da zu seyn — er kömmt nicht — schon ist Mittagsschwüle — Salassin! Salassin! Erscheine.

So härmte sich das liebende Mädchen, mit jedem Pulsschlage wurde das Herz banger, mit jeder Minute ihre Unruh bittrer. In jedem Manne, der in dem Gassengewimmel sich drängte, wähnte sie — da kömmt er einmal! Aber wie herb war dann immer die Täuschung!

Als endlich die eilfte Stunde des Tages mit unaussprechlichem Verlangen und Sehnen schon heranschnekte, und Salassin noch nicht da war, da konnte das arme Mädchen nimmer die Unruhe, die ihre ganze Seele erschütterte, verbergen. Sie theilte dem Vater ihre Besorgniß mit, der selbst nicht begreifen konnte, wie ein Liebender weilen könne zu seiner brünstig harrenden Erkohrenen zu eilen.

Er ist mir ungetreu — er heuchelte Liebe — er ist falsch, würde ein Mädchen unsers Sekulums in diesem Falle sagen — Aber Lollyn kam der Gedanke gar nicht bei, Salassin, der ein so edler Mann war, könnte treulos seyn, so sehr war sie überzeugt.

Sebald kam zu dem Gasthofe der silbernen Narrheit, und las den Thorzettel auf dem die Namen der Einkehrenden angezeigt waren. Wer? Woher? Wohin? Wie lange? Auf alle diese Fragen war die Antwort auf dem Zettel.

Edler Bengler von Palmhain, mit seiner Tochter Lolly — stand unter andern da!

Ha — rief Sebald freudig — da sind sie! Er sprachs und ließ sich vom Diener die Zimmer zeigen.

Er trat herein, Lolly lag im Fenster und sah nach der Gasse, wand sich hurtig nach der Thüre, als sie rauschte, und kam dem Eintretenden entgegen, den sie für den Ersehnten hielt, freudig rief sie: Endlich ist er einmal da! Aber bitter getäuscht stieß sie einen lauten Schrei aus, als sie Sebalden erblickte, der mit unbeschreiblichem Entzücken sie faßte: Jilla! Jilla! Wie kömmst du daher?