Bei einem dieser Spiele war einmal Salassins Armee ziemlich im Gedränge. Das Schlachtfeld war eine Wiese, das Lager am Bache, der um das Dorf floß. Salassin ward angegriffen von seiner Gegenparthei, und an den äußersten Rand den Ufers zurükgedrängt, seine Mannschaft bereits zerstreut und gefangen, und er allein vertheidigte sich gegen zweie noch, die dem lieben Generalen so hart zu Leibe giengen, daß er nothwendig sich hätte fangen lassen müssen. Aber dies hielt er für den größten Schimpf. Indem ihn die beiden Feinde schon zu Boden reißen wollten; stürzt er sich unbesiegt zu bleiben, gerade in den Bach, riß aber einen von den Gegnern mit hinab, wo sie, weil es zum Glücke nicht tief war, sich noch immer balgten. In dieser Hartnäckigkeit mitten im Bach trieben sie sich immer weiter, bis beide in eine unvermuthete Grube geriethen. Ja — nun war der Kampf freilich aus! Salassin der besser schwamm als sein Gegner, vergaß geschwind allen Kriegsgroll, und schlepte großmüthig den Andern mit hinaus aus dem Bache.

Oft kämpften sie im Bade in der größten Tiefe schwimmend ihre kleinen Kämpfe.

Ein andermal waren die Knabenpartheien so verwegen, und führten den Krieg in Luftgondln. Derjenige Theil, — sagte Salassin als er mit Hilfe des Luftkutschers die Seegeln spannte, der in seiner Gondel den Andern hinabjagt, hat den Sieg. Sie stiegen empor und der Streit begann. Salassin geübter als sein Feind in der Luft, zerschlug die morsche Seegelstange der feindlichen Gondel, welche schnell hinabsank, und auf einem hohen Baume hangen blieb. Die Besiegten schwebten in einer ziemlich großen Lebensgefahr. Der Ball hatte sich in den Zweigen und Aesten verwickelt, und die Knaben steckten wie in einem Sack. Salassin eilte mit seinem Schiffe zur Rettung herbei, war aber diesmal so ungeschikt, daß seine Gondel herunterfiel, der sich die Nase zerschlug, jener den Finger brach, und jeder einen kleinen oder größern Schmerz durch den Fall erbeutete. Oben in dem noch hängenden Ballon hatten sich indessen die Eingewickelten durch ihr starkes Trampeln und Rütteln los gerissen, und stürzten grade auf Salassin, und seine weinende Parthei. Mit deinem verwünschten Krieg! schrie einer um den andern. Bleiben wir lieber auf der Erde! Ich wäre bald erstikt! Ich habe meinen Finger gebrochen! Mich schmerzt mein Kopf! Mir blutet die Nase! So scholls und die erzürnten Knaben wären bald noch einmal über den Herrn Kommendanten Salassin hergefallen, um ihn für seinen Vorschlag weidlich zu dreschen.

Vater Welly ließ Salassin auch das Euphon lehren, und um ihn mehr anzueifern gesellte er ihm einen andern Knaben zu. Beide wetteiferten, und wenn sein Gespiele sein Blatt besser als Salassin selber las, und richtiger am Euphon ausdrückte, mußte Salassin als Gemeiner im Soldatenspiele ihm folgen, was dessen Ehrgeiz mächtig traf, doch nie so, daß er diesen Keim zur Pflanze hätte sprossen lassen, denn er war erfahren mit diesem sehr gefährlichen Triebe, der so herrliche Wirkungen erregt, wenn er sorgfältig und klug geleitet wird; eben so fürchterliche Folgen dann hat, wenn er zum bloßen Sporne des Jünglings ohne aller Rüksicht gebraucht wird.

Welly bemerkte an seinem nun zehnjährigen Sohne nicht ohne geheimer Freude den Muth, die Entschlossenheit, den Edelsinn und eine gewisse Energie des Geistes, aber auch nicht ohne Bangen das große Maas des so irrführenden leicht erregbaren Gefühls. Seine Gabe alles leicht zu fassen, alles spielend zu erlernen, alles leicht zu verstehen, brachte den Vater eher an das Ziel, so man dem Knabenalter steckt, als er erwartet hatte.

Und war Salassin ein hoffnungsvoller Knabe, so war er noch weit hoffnungsvoller als Jüngling. Dieser wichtige Zeitpunkt des menschlichen Lebens war allmählig herangenaht. Hier gleicht der Mensch einer Flamme die wenn sie nicht vorsichtig und vernünftig genährt wird, leicht zum lodernden verheerenden Brand empor schlägt; die wenn sie zu unklug und zu gewaltsam gedrükt wird, leicht erstickt; die aber wenn ein weiser Mann sie besorgt, wie eine belebende Sonne am Mittag des Lebens aufsteigt, dem ein ruhiger seeliger Abend folgt.

So ein weiser Mann, war Salassins Vater, der, des Sohnes Flamme geschickt besorgte, daß sie jene Früchte trug, die meine Leser und Leserinnen erfahren werden, wenn mein Büchelchen im Stande ist, ihre Aufmerksamkeit bis dahin zu spannen, wo Salassin sich überlassen, selbst handelt.

Der Grund war gut und feste gelegt, auf dem das Gebäude des künftigen Wohles Salassins unerschütterlich dauerhaft ruhen sollte. Er hatte Kenntnisse mannigfaltiger Art, durch des Vaters Bestreben sich erworben. Des Dorfes Pfarrer ein geschickter Mann, ein würdiger Priester, und um mich bündig auszudrücken, ein wahres Gegenstück zu vielen Pfarrern des achtzehnten Jahrhunderts; war nebst andern Männern sein Lehrer, und Salassin erhielt Unterricht in allen jenen Wissenschaften, die ein Jüngling dieses Zeitalters nöthig hatte. Vater Welly beschloß nun zu Ende des Baues zu schreiten, und Salassin sollte die Welt kennen lernen, um seine Bestimmung, ein thätiger Staatsbürger und Vertheidiger des Menschheitswohls zu werden, allmählig zu erfüllen. Dazu war die Haupt- und Residenzstadt des vortrefflichen deutschen Kaisers ein sehr schickliches Mittel, von dem er sich alles versprach. Salassin sollte also nach einem Monden in die Stadt, so war es beschlossen und so blieb es.

Der Monden verflog, wie die Sekunde eines Traumes; — wochenlang bereitete man sich schon zur Abreise vor, die endlich da war.

Da stand vor dem Schlosse der angespannte Wagen mit zwei muthigen Gaulen zum Fortfahren bereit. Salassin wand sich aus dem Arm der Mutter, empfieng gerührt ihren segnenden Abschiedskuß, sah sich zärtlich noch einmal nach der heimischen Gegend, dem Park wo der Vater ihn Gärtnerey und Naturgeschichte gelehrt hatte, den Aeckern wo er den müden Schnittern im schwülen Sommer einen Labetrunk trug, den schilfumgrünten Teich, den Kieselbach wo er so oft gebadet, so manchen Fisch gefangen, so manchen Kahn geleitet hatte, die Hecken und Gesträuche in deren dunkeln Geflicht er der Nachtigall zuhorchte, die Wiese wo sein Hut einen Schmetterling erhaschte, die Haide wo er die Knaben kriegend anführte, das Wäldchen wo er im kühlen Schatten weilte, las und lernte, oder auf der Flöte blies, den Hügel von dem er im Winter auf Schlitten herabglitt, sah mit wehmüthiger süsser Erinnerung seines Knabenalters noch einmal diese traute Heimath, und stieg mit dem Vater in die Kutsche, die schneller denn eilende Winde vom heimischen Schlosse fortrollte.