Die Dame. Laß ab, ich kann von Sara fern nimmer ruhig seyn. Morgen zeitlich muß ich fort, vermehre meine Sorgen nicht.
Jehnson. Das ist traurig — und darf ich nicht mehr bitten. Aber sobald es möglich, sehen wir uns wieder.
Sie verplauderten noch die kurze Zeit, und als der Morgen den Osthimmel röthete, lauer der kühle Nachtwind wehte, und die Schwalben ihr Morgenlied schmetterten, trennten sie sich bewegt. Jehnson führte seine Mutter und Jadillchen, um die er in seiner Wonne gar nicht mehr gefragt hatte, auf die Strasse. Sieh da! Die Kutsche war nicht hier, aber eine Luftgondel flatterte mit den ausgespannten Seegeln.
In diesem Reisewagen, wirst du bequemer und schneller heim kommen, meine Mutter! — sprach Jehnson und schied tief gerührt von seiner geliebten Mutter! Leb wohl! mein Sohn! leb wohl, meine Mutter! riefen sie sich nochmal zu, und die Gondel trug auf den Fluthen des Aethers die Dame und Jadilla fort. Jadilla — so nannte sich das verlohrne Mädchen, wenn es die Dame um ihren Namen fragte. — Die Fluren Germaniens dämmerten allmählig wie durch einen Flor, und der unten nachsehende Jehnson bemerkte bald nichts, als einen schwarzen Punkt von der hohen Gondel, bis sie endlich ganz verschwand.
Jadilla weinte und rief. Mutter! Vater! Salassin! Ach wo sind sie denn? — Die Dame tröstete das arme Kind, so gut sie konnte.
Sechstes Kapitel.
Die Abreise.
Mit stillem Schmerze betrauerten indessen Welly und Jadilla, den unersezlichen Verlust des hoffnungsvollen Kindes. Der Graf hatte Jadillchens Beschreibung in alle Zeitungen sezen lassen; aber vergebens! Die Laune des Schicksals, fand es einmal für besser, daß das Mädchen getrennt von seinen Eltern unter fremden Menschen leben müsse. Alsdann alle Nachfrage unbeantwortet, alles Forschen fruchtlos blieb, hielten die Eltern ihr Kind für todt, errichteten ihm eine Urne, und beweinten an diesem Denkmale Jadillchens Andenken. Die edlen Unterthanen halfen treulich die Betrübten erheitern; aber in eben dieser allgemeinen Theilnahme, wenn sich das gepreßte Herz auch noch so sehr erleichterte, fühlten sie ihren Verlust nur noch mehr. Selbst als der Balsam der Zeit ihre Wunde vernarbt hatte, galt noch manche ernste Miene Wellys, noch manche stille Thräne Jadillas dem Andenken der verlohrenen Tochter.
Sie ketteten sich nun um so enger an den einzigen Salassin, den beide mit elterlichem Eifer erzogen. Diese Erziehung war nun ihr süssester Unterhalt. Salassin ein Knabe von Mutter Natur zum Liebling erkohren, begabt mit Talenten des Körpers und der Geistes, unter den Händen eines klugen Vaters, der weise zu lohnen und zu strafen verstand, unter den Augen einer von aller Afterliebe freien Mutter — wie sollte so ein Knabe zu großen Erwartungen nicht berechtigen?
Die ersten Jahre der Kindheit wurden einer vernünftigen physischen Erziehung gewidmet, und darauf die moralische gebaut.
Schon an dem Knaben ward mancher Zug bemerkt, der keinen gewöhnlichen Alltagsmenschen einst hoffen ließ. Ein hartnäckiger Muth zeigte sich schon in seinen Spielen, und ein gewisser Edelmuth, Gerechtigkeitsliebe war unverkennlich. Soldaten zu spielen mit den Knaben des Dorfes war ihm eine sehr angenehme Beschäftigung. Er formirte kleine Legionen, und war ihr Anführer; theilte sie in 2. Partheien und sie kriegten zu Land und zu Wasser.