Das glaub ich — nahm die erholte Mutter das Wort — Mein Sebald war noch in den Windeln als ich ihn in meinen Armen aus England zum Vater trug, der bei der Armee der Normänner, die damals gegen Deutschland im Felde war, seyn sollte; denn er war entflohn, und gewiß wußt ich es nicht wo er lebte. Wir zogen überall herum, und fanden ihn nicht. Aller Wahrscheinlichkeit nach war er todt. Wir verliessen Norland und kamen nach Germanien. Eines Tages am Abend lag ich eben im thauigten Grase an der Strasse, mein Sebald war schon sechs Jahr alt, neben mir, und wollten hier die Nacht verschlafen, von allen entblöst was uns ein besseres Lager hätte bereiten können. Ein wohlhabender Mann sah unser Elend, und ließ uns, da wir auf den Füssen nimmer stehen konnten, in ein nahes Städtchen fahren. Er gewann Neigung für uns, behielt mich, da seine Gattin kurz vorher gestorben, und 4 unerzogene Waisen gelassen hatte, in seinem Hause, wo ich der Arbeit genug, und keinen Mangel hatte. Eben dies war der Mann, der meinen Sohn die Mahlerei lehrte, die er selbst trieb und wodurch er ein sehr wohlhabender Mann geworden war. Weit und breit war er berühmt, und aus fremden Ländern bestellt man sogar Gemälde bei ihm. So lebten wir bis der wohlthätige Mann zu unserm Jammer starb.
Sebald. Das ist seit zwei Jahren. Er war mir ein zärtlicher sorgsamer Vater. Ach! nie kann ich vergessen, wie er mich liebte, wie er seinen Kindern gleich mich erzog. Ruhe, süsse Ruhe seiner Seele! Wir verliessen damals dieses Städtchen, und kamen nach den Unfällen, die ich bereits anführte, hieher, wo uns Gott in euch einen zweiten Retter sandte.
Welly. Das war meine Pflicht, euch beizustehn. Daß würde jeglicher gethan haben. Wir sind morgen in der Stadt, und junger Mann ich will die Vaterstelle übernehmen, will fernhin für dich sorgen. Sey selbst auch thätig, dann wirst du einmal über nichts zu klagen haben. In unserm Jahrhundert verhungert nun kein geschickter Künstler mehr. Die Zeit der Barbaren, wo die Dumköpfe im Ueberfluß schwelgten, die verdientesten Köpfe darbten, ist gottlob nicht mehr. Ich will den Tag unter die schönsten meines Lebens aufzeichnen, an dem ich dich fand, und dem Vaterlande einen braven Bürger und geschickten Künstler, durch eine so geringe Hilfe erhielt. Salassin! — Ihr bleibt Gefährten — Freunde, Brüder! meine Söhne!
Sebald drückte voll ungestümmer Freude Wellys Hand, auf die eine glühende Thräne des stummen Dankenden rann.
Du kennst mich so wenig — stammelte er — und zeigst dich so edel gegen mich. Diese Güte — dies Zutraun richtet mich auf! Nimm — ich habe nichts als stille Thränen zum Danke — Die Geretteten — hier deutete er wortlos auf seine entzückte Mutter, welche wie er keine Silbe sprechen konnte.
Salassin umarmte seinen neuen Bruder. Ihre Neigungen trafen sich, der Ring der Freundschaft umschlang ihre Herzen, sie wurden Freunde, Brüder und blieben es.
So kamen sie in einer seelerhebenden Freude allmählig der Stadt näher. Sebalds Leiden gefurchte Stirne glättete die namenlose Wonne, die ihm im Innern glühte. Er war ein blühender junger Mann, voll Fähigkeiten, voll Streben, seine Anlagen zu bilden, und mit einem edlen Herzen von Mutter Natur beschenkt. Seine Seele trug er im Gesichte, das schwarze Aug funkelte von dem Feuer, das ein Abstrahl seines Geistes war. Aus seinen abgetragenen Kleidern schimmerte er hervor, wie der Vollmond durch ein zerrissenes Gewölke.
Seiner Mutter eine ungefähr vierzigjährige Frau, mit den unverkennlichen Spuren ehemaliger Schönheit, hatte der Kummer, das Elend und ein gewisser Harm (dessen Ursache meine Leser, wenn sie es noch nicht errathen haben, doch bald erfahren werden) die Wangen gebleicht, aber sie erregte dadurch in jeder Seele nur um so mehr Theilnahme, und ihr ganzes Betragen verrieth gar zu deutlich, daß sie einst edel erzogen, der Dürftigkeit nicht bestimmt war, die sie nun drückte.
Seelenvergnügt war Welly und sein Bewustseyn maaß ihm bereits ein hohes Gefühl süsser Empfindungen, wenn er Sebald und seine Mutter ansah. Salassin wurde bald vertraulicher mit Sebalden. Unter Erzählungen und Gesprächen vergaßen die aufgenommenen Pilger ihr voriges Leid, und träumten von dem Himmel, der sich vor ihren Blicken aufschliessen würde. Salassin durch diese zerstreut, dachte allenfalls noch manchmal, wenn der Mahler von Bildern sprach, an Lollys lebendiges Bild.