An einem Tage wandelte er eben von seinem Geschäfte durch die große Residenzallee, und starrte einige neuangekommenen Luftgondeln an.

Leise trat ein Diener herbei, drückt ihm unversehens ein Briefchen in die Hand, und verschwand wie ein Gedanke.

Er öffnete rasch das Blatt und las:

Wie lange schmacht ich in meiner quälenden Einsamkeit, seit ich dich, liebenswürdiger Fremdling gesehen habe. Meine ganze Seele lebt in dir: süß ist mir die Stunde, in der ich dich bei meinem Fenster vorüber wandeln sehe, da klopft mein Herz im schnellem Pulse, mir glüht es im Innern und brennts vor wehen und wohlen Drang. Jüngling, ich liebe dich — mein Geständniß kostete mir eine große Ueberwindung, lange Tage, lange Wochen hat die unbezähmbare Liebe mit dem weiblichen Gefühle gerungen; aber vergieb, wenn die erstere mit weit mächtigern Waffen siegte, und mich zu einem Schritt trieb, den nur ein gränzenloser Harm entschuldigen kann. Ich lechze vor Sehnsucht dich einmal wieder zu umarmen. Jüngling laß dich rühren von meinem Schmerze. Heute Abends, wenn des Mondes Goldlampe mit freundlichem Blicke auf die Liebenden blickt, irr ich einsam am Ufer des Stroms — bei dem 8ten Stadtthore. Willst du mich sehen, so wandle durch die Erlenallee am Strome, dort harrt deiner mit unbeschreiblicher Sehnsucht

Eine
dich gränzenlos liebende
Freundin.

Salassin staunte, seine Augen verschlangen die Schrift, er las 2 — 3mal und sein Erstaunen stieg immer höher.

Wer mag das kühne Mädchen seyn? Wenn es — doch nein! die kann es nicht seyn! Soll ich dahin? — Handle ich recht? Wenn es ein lockendes Irrlichtchen wäre? Aber — doch, ich will meine Neugierde sättigen — Ich sehe ja keine Gefahr — Lollys Bild lebt in meiner Seele — und die Reize eines andern Mädchens — sind Tulpen gegen Rosen. Das Abentheuer muß ich doch der Sonderbarkeit wegen bestehn.

Er dachts und gieng als der Mond durch die Kastanienwipfeln seinen lächelnden Strahl senkte, durch Gassen und Strassen an das achte Thor, und wallte begierig die Erlenallee am Ufer des Stromes entlang.

Die liebliche Abendfrische, die aus den Weiden und Fliederhecken und den schlanken Erlen rauschte, des Stromes schöner Anblick, der majestätisch mit sanften Wellen durch thauige Wiesen sich wälzte — sein liebliches Murmeln, das sich mit den Mollackorden der liebesingenden Nachtigall und dem Instrumentalklang ferner Musikanten vermengte, das Echo, das diese schmelzende Harmonie wiederklang, das Blinken der flimmernden Sternensaat am bläuchlichten Himmel — ein Herz voll sehnender Liebe — alles das wirkte auf Salassin bezaubernd, und führte ihn zu süssen Abendschwärmerein.

Allen Rasensitzen vorüber, durch alle Gänge der Allee, durch alle Hecken und Büsche war er gewandelt, aber nirgends hatte sich ein Mädchen gezeigt, das sich als die Senderinn des Briefchens an seinen Arm geschlossen hätte.