Die Hitze verminderte sich, je nördlicher wir kamen, und die Kälte war um so empfindlicher für uns, da Keiner sich mit den für den Winter passenden Kleidern versehen hatte, denn solche in Surinam zu bekommen, hält schwer, da sie Niemand braucht. So liefen wir, als wir die Höhe Madeiras erreicht hatten, schon frostig und zitternd herum und sahen mit Schaudern dem europäischen Klima entgegen. Um diese Zeit hatte mir der Kommandant des Schiffes verschiedene Schreibereien aufgetragen und ich arbeitete desshalb den ganzen Tag im Longeroom, bis die Kälte das Schreiben im ungeheizten Zimmer nicht mehr zuliess und der Kommandant mich in seine warme Kajüte nahm.

Mein Fieber hatte sich auch wieder eingestellt, und obgleich ich genug Pulver verschluckte, so verliess es mich doch nicht wieder.

Unsere Reise ging ziemlich schnell, denn schon am 2. Januar waren wir vor dem Canal. Das Wetter war eisig kalt und obgleich ich mir ein wollenes Hemd an Bord gekauft hatte und in zwei wollenen Decken eingewickelt des Nachts in meiner Hängematte lag, so konnte ich doch vor Kälte keine Nacht vor 12 Uhr einschlafen und lag wie ein Igel zusammengeballt, nur beschäftigt, meine eiskalten Füsse durch Reiben und Drücken zu erwärmen. – Ebenso ging es den Soldaten, die noch weniger als ich hatten, aber gesund waren. – Man blieb meistens unter dem Verdecke, wo zur Ventilation den ganzen Tag ein Windsack uns mit so kaltem Hauche erfrischte, dass wir trotz des Verbotes ihn verschiedene Male zuknöpften. Das Aergste bei der Kälte war aber, ein gewisses natürliches Bedürfniss zu befriedigen. Der Ort dazu ist neben dem Bugspriet, wo aller Wind sich versammelt und die Bewegung des Schiffes am stärksten ist. – Da hinaufzuklimmen und entblösst der ganzen Gewalt des Windes preisgegeben, vom eiskalten Wasser bespritzt zu werden, war eine Affaire, der sich selbst die Matrosen nicht gerne unterzogen und die wir um so mehr fürchteten, als wir, wenn wir von den Wellen durchnässt waren, keine anderen Kleider zum Wechseln hatten.

Die Frauen, welche sich seit der Kälte in ihrem Kajütchen eingeschlossen hatten, mussten freilich diese Manöver nicht mitmachen, sondern hatten einen dazu bestimmten Topf, den eine von ihnen jeden Abend zur grossen Belustigung der Matrosen, die es dabei nicht an Glossen fehlen liessen, über Bord ausleerten.

Nun war eines Morgens dieser Topf, bei einer starken Bewegung des Schiffes, umgefallen, und hatte solch einen infernalischen Geruch zwischen der Decke verbreitet, dass jedes sich beeilte, ungeachtet die Grütze auf der Tafel stand, aufs Verdeck zu kommen, wo es dann ans Schimpfen und Fluchen ging. Es war eine grosse Verlegenheit für die armen Frauenzimmer, die sich den ganzen Tag nicht sehen liessen und also in der Atmosphäre ihres Topfes beinahe erstickten.

Der Wind, der uns bis an den Canal immer günstig gewesen war, verliess uns plötzlich und eine totale Windstille hielt uns 9 Tage lang wie angefesselt. Eine Menge Schiffe von allen Nationen war hier zusammengekommen und harrte, wie wir, auf günstigen Wind. – Mit gutem Westwinde erblickten wir am 12. Januar die englischen Küsten und pfeilschnell segelten wir durch den Canal. Am 16. Januar ankerten wir im Nieuwe Diep, nach fünfzigtägiger Fahrt. Wie öde und traurig zeigt sich im Winter die holländische Küste den aus dem Süden Kommenden, wie verfroren sehen ihre Einwohner aus und wie kahl seine Bäume.

Kaum war das Schiff im Hafen befestigt, als wir bestürmt wurden von Neugierigen: Fleischer und Bäcker kamen an Bord, um sich in die Gunst des Kommandanten zu empfehlen, Wirthe überreichten ihre Adressen, Waschweiber holten schmutzige Wäsche und Juden handelten um Affen und Papageyen.

Ich ging mit meiner Marschordre nach dem Heldos (einem Flecken, der stark befestigt ist), um die Befehle zur weiteren Reise abzuholen. Wir sollten in kleinen Tagereisen auf Wägen nach dem Orte unserer Bestimmung, dem langweiligen Harderwyk gebracht werden, da die Südersee und der nord-holländische Canal noch dicht befroren waren.

Den 18. Januar verliessen wir auf zwei Wägen, die mit dem Hausrathe der Schneiderfamilie vollgepackt waren, das Nieuwe Diep. – Wir waren auf eine Weise bekleidet, dass alle Leute uns neugierig anschauten. Bei jeder Station, wo man die Pferde wechselte oder Nachtquartier bestellte, wurden unsere Wägen von den Einwohnern umringt und wir wie fremde Thiere staunend begafft. Zu unserer leichten Uniform und weissen Hosen stachen unsere bleichen Gesichter wunderbar ab, und die Frauenzimmer, in grossblumigen Zitz gekleidet und mit leichten Strohhüten auf dem Kopfe, zitterten vor Kälte während dem Gelächter und den lieblosen Kritiken der Umstehenden. Zwei Papageyen und ein indianischer Rabe gehörten ebenfalls zu unserer Gesellschaft und zwei Töpfe mit rauchendem Torfe mussten unsere erstarrten Füsse der Reihe nach erwärmen. Nach sieben sehr kleinen Tagereisen, wo wir in Schagew, Alkmar, Haarlem, Amsterdam, Naarden und Amersford übernachtet hatten, langten wir den 24. Januar wohlbehalten in Harderwyk an. – Die meisten meines Detachements schützten Krankheiten vor, um bis zum Frühjahr im Hospital der Ruhe pflegen zu können; ich aber, wiewohl ich eine ärztliche Behandlung höchst nöthig hatte, that meinen Dienst, der freilich nicht sehr mühsam war. – Ich erwartete immer das Schiff, mit dem ich meine Insekten abgeschickt hatte, um dieselben sodann selbst nach Deutschland mitnehmen zu können, aber statt derselben kam die traurige Nachricht vom Stranden des Schiffes bei Dover an und meine schöne Sammlung war für mich verloren. Ich hatte nach reiflicher Ueberlegung beschlossen, den Militärdienst zu verlassen und mein Glück im Civilstand in Surinam zu suchen, und krank an Körper, und traurig über meinen Verlust, verliess ich am 1. März 1842 Holland, um vorerst meine Familie in Stuttgart zu besuchen.

Bemerkungen.