[Die Baukunst im XVII. und XVIII. Jahrhundert]

§. 114.

Die Baugeschichte der römischen Peterskirche, welche das Vorbild für zahllose neuere Kirchen lieferte, den Kuppelbau über der Kreuzführung, die angeklebten Façaden, die, Schmarotzerpflanzen ähnlich wuchernde, Dekoration für zwei Jahrhunderte sanktionirte, belehrt am besten über das Princip der neueren Architektur. Eine organische Durchbildung der architektonischen Idee wurde in den seltensten Fällen beabsichtigt, an eine Unterordnung der Formen unter jene niemals gedacht. Aus den todtliegenden Baugliedern in geistreicher Weise ein neues Ganzes zusammenzusetzen, nicht nach innerer Nothwendigkeit, sondern nach der subjektiven Vorliebe des Künstlers, den Reichthum der dekorativen Phantasie zu bethätigen, durch eine Fülle bewegter Linien, die heftige Lebendigkeit der einzelnen Formen, die sich nur gezwungen dem Hammer und der Kelle fügen, und immer überfliessend und fliehend erscheinen, darin lag das Ziel der Baukunst des 17. Jahrhunderts. Eine gewisse Verdienstlichkeit lässt sich ihren Schöpfungen nicht absprechen. Sie bestechen oft durch ihre Massenhaftigkeit und blenden durch den sinnlichen Glanz der Dekoration; auf eine malerische Wirkung berechnet und hie und da nach den Gesetzen der Perspektive aufgeführt, sind sie vom Standpunkt der landschaftlichen Kunst lobenswerth durchgeführt; nur haben diese Vorzüge mit dem Wesen der Architektur wenig zu schaffen und verbergen nothdürftig den Mangel eines inneren Lebens. Die kirchliche, mit reichen Kräften getriebene Architektur hat dem Baueifer der Jesuiten das Meiste zu danken, welche in ähnlicher Art, wie die Cisterzienser und Predigermönche in früheren Jahrhunderten ihren Stiftungen ein festes Gepräge aufdrückten und den sogenannten Jesuitenstyl schufen. Obgleich sie in einzelnen Fällen noch der germanischen Bauweise (Koblenz, Köln, Bonn) huldigten, so blieb doch der zeitgenössische Styl, welcher der im Orden gepflegten eleganten Bildung so gut entsprach, vorzugsweise bevorzugt. Die Kirche del Gesu in Rom, von Vignola 1568 begonnen und von Giac. della Porta fortgesetzt, beginnt den Reigen der über die alte und neue Welt verbreiteten Jesuitenschöpfungen. Bis in das 18. Jahrhundert setzt sich die Bauthätigkeit des Ordens fort, im Verhältniss zu den gleichzeitigen Werken auch dann durch eine klare Conception und einen kräftigen Formensinn ausgezeichnet. Wie die Professhäuser in der Regel in der Grösse der Anlage und in den massiven, einfachen Verhältnissen untereinander übereinstimmen, so tragen auch die Ordenskirchen und Sodalitäten ein gemeinsames Gepräge. Die Façaden zeigen wieder zwei Säulenordnungen übereinander gestellt, die Säulen oder Pfeiler gekuppelt, das Gebälke verkröpft, die Fenster und Thüren mit geraden oder geschweiften Giebeln bekrönt, den Mittelbau über die Seiten erhoben und mit einem Giebel geschlossen, mit schneckenförmigen Halbgiebeln ([Fig. 93]) zur Seite, offenen Glockenthürmen; im Inneren wird das Tonnengewölbe und die Kuppel beliebt, die Gliederung des Raumes aber vorzugsweise durch eine übermässig verschwendete malerische Dekoration vollzogen. An den riesigen Altarbauten (S. Peter, del Gesu u. a. in Rom) wird die wüste Willkür der herrschenden Bauweise, die nicht mehr Styl, sondern Mode ist, am traurigsten offenbar. Die Natur derselben bringt es mit sich, dass keine nationalen Schulen mehr vorkommen, die Künstler aller Stämme und Länder mit gleichen Mitteln das gleiche Ziel anstreben. Wohl ist die Zahl der ausserhalb Italiens verwendeten Architekten nicht unbeträchtlich, sie unterscheiden sich aber keineswegs von ihren nordischen Fachgenossen, und auch diese letzteren zeigen sich jenseits der Alpen vollkommen akklimatisirt.

Fig. 93. Halbgiebel.

Noch aus dem vorigen Zeitalter ragt in die Periode des beginnenden Zopfstyles Carlo Maderno (1556–1629) herüber. Gleich seinem Vorfahren im Amte eines Bauvorstehers an der Peterskirche, bewahrt Lorenzo Bernini aus Neapel (1556–1629) eine gewisse nüchterne Regelmässigkeit in seinen Bauwerken (Colonnaden am Petersplatze, S. Andrea delle Fratte, Palast Barberini), während in den Werken seines Gegners Francesco Borromini (1599–1667) die Todfeindschaft gegen die geraden Linien anbricht und der willkürlichste Dekorationsstyl Platz greift. (S. Agnese auf Piazza Navona, Sapienza, Kirche und Colleg der Propaganda u. a.) Die zahlreichen Nachfolger Borrominis in und ausserhalb Roms sind einer namentlichen Anführung durchaus unwürdig, ebensowenig als die schulmässigen italienischen Architekten des 18. Jahrhunderts eine besondere Erörterung in Anspruch nehmen.

Spanien, welches keine nationale Bautradition der einreissenden Mode als Damm entgegenstellen konnte und schon in früheren Zeitaltern eine Neigung zum Barocken aufwies, that am Ende des 17. und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Seinige, die Baukunst in eine sinnlose Dekoration zu verwandeln. Mit Pedro de Ribera beginnt Verwilderung, in José Churriguera erreicht sie ihren Höhepunkt (arquitetura churriguera z. B. Carmeliterkirche in Granada). Abgelöst wird diese Baumanier unter der Einwirkung italienischer Künstler, am Ende des vorigen Jahrhunderts, durch eine leblose Schulrichtung.

Auch in Frankreich hielt sie sich im 17. Jahrhundert nicht auf der durch die Schule von Fontainebleau erklommenen Höhe. Die kirchlichen Anlagen (S. Louis et S. Paul von Derand 1627, S. Gervais et Protais von Jacques de Brosses 1616 in Paris) lassen Vignolas Einfluss durchschauen und bilden den Jesuitenstyl nach, und wenn sie auch von Uebertreibungen sich fern halten, wie die Invalidenkirche von Bruant und Mansart (vollendet 1705), so vermögen sie doch nicht den nüchtern-kalten Eindruck auszulöschen. Das sogenannte Pantheon (S. Géneviève) von Soufflot nimmt unter allen verwandten Werken den ersten Platz ein. Die Civilbaukunst wird durch zahlreiche Palastanlagen vertreten, ohne dass sie aber von der glänzenden Kunstblüthe des Reiches unter Louis XIV. ein günstiges Zeugniss ablegten. (Pal. Luxembourg von J. de Brosses, Louvre Façade von Cl. Perrault, Versailles von Mansart u. A.)