Andere Drogen der Gruppe der Harzbalsame sind als solche nicht in der normalen Pflanze enthalten, sondern entstehen erst infolge von Verwundungen (sekundärer Harzfluß). Ich habe durch Versuche in Indien und Europa gezeigt, daß Benzoë, Peru- und Tolubalsam, Styrax, Dammar und die meisten Terpentine der Koniferen erst sich bilden, nachdem man tiefgreifende Verletzungen am Baume angebracht hat und ein reichverzweigtes System pathologischer Kanäle im Neuholz entstanden ist (Gesetz des Harzflusses).
Fig. 171.
Eine finländische «Tervahauta» (Teergrube), die Art der Teergewinnung in Finland.
Fig. 172.
Ecuelle à piquer.
[Tschirch phot.]
Als pathologische Produkte, die bisweilen schon freiwillig, in größerer Menge aber durch (wenn auch nicht infolge von) spontan entstehenden oder künstlich angebrachten Wunden austreten, sind auch das Gummi und der Traganth zu betrachten.
Sehr mannigfaltig ist die Form, die man den Verwundungen ([Fig. 149]) und den dazu benutzten Instrumenten gibt und die Art, wie man die Wunde nachher behandelt. Bald wird ein V-Schnitt hergestellt (Tolubalsam, [Fig. 149], 2), bald Längsschnitte (Benzoë, [Fig. 149], 1) oder zahlreiche übereinander stehende, horizontale Einschnitte (Manna, Japan. Lack, [Fig. 149], 10 u. 11), bald Spiralschnitte (Gutti, [Fig. 149], 9), bald eine breite, wie ein M — oder O — geformte Lache (amerikan. und französ. Terpentin, [Fig. 149], 5 u. 6), bald wird zum Auffangen des Balsams ein Topf angehängt ([Fig. 149], 2, 6, 12–14), bald ein Box in den Baum geschlagen ([Fig. 149], 5 u. 8). Auch Schwelen und Aufsaugen des Balsams in Lappen kommt vor (Perubalsam, [Fig. 149], 3, [152] u. [153]). Bei der Lärche wird ein Loch gebohrt ([Fig. 149], 4), mit einem Pflock verstopft und nach einiger Zeit der angesammelte Balsam abgelassen. Die größte Mannigfaltigkeit in der Verwundungsart findet sich aber bei den Kautschukbäumen. Bald wird hier nur mit Messerstichen angezapft ([Fig. 155]), bald werden Spiralschnitte, Halbspiralschnitte ([Fig. 157]), kurze, längs- oder schräggestellte mit eigenartigen meißelartigen Messern hergestellte Schnitte ([Fig. 149], 12), gemacht, bald wird der Grätenschnitt ([Fig. 149], 13 u. [158]), der Doppelkandelaberschnitt ([Fig. 149], 14) oder Varianten dieser geübt (das Detail siehe in meinem Buche: Die Harze und die Harzbehälter, 2. Aufl. 1906; dort sind auch die Instrumente abgebildet). Zu einem allgemein adoptierten System ist man noch nicht gekommen. Noch werden Versuche gemacht, welches das beste ist.
Bei der Guttapercha wird der Stamm des gefällten Baumes in horizontaler Lage auf der Oberseite in bestimmten Entfernungen mit breiten Einschnitten versehen, aus denen man dann den ausgetretenen Milchsaft herauskratzt ([Fig. 156]).
Eine Besonderheit ist die Darstellung des Churus. Der Churus (Indisch-Hanfharz) wird nach BONATI in der Weise gewonnen, daß man die in Blüte stehenden Zweigspitzen der weiblichen Pflanze von Cannabis indica stundenlang kräftig auf groben wollenen Teppichen reibt, so daß das dickflüssige Harz sich auf der Oberfläche ablagert, von wo es mittelst eines Messers abgelöst und zu kleinen Kugeln oder länglichen Stäbchen geformt wird.
Es erinnert dies in etwas an die ehedem beim Ladanum gebräuchliche Gewinnungsweise, bei der man langbärtige Ziegen durch die harzduftenden Cistusgebüsche trieb, das an den Bärten haften bleibende Harz absammelte, und nachdem es in Wasser erweicht war, zu den bekannten Spiralkörpern formte.