Ganz ausgeschlossen werden die Bauhölzer und das Papier, während die Gespinstfasern wegen ihrer vielen Beziehungen zur Medizin — die Baumwolle steht ja sogar in den Pharmakopoeen — wenigstens teilweise behandelt werden müssen.
Einige Drogen sind beides, technische und Arzneidrogen. Von Arzneidrogen, die gleichzeitig z. B. auch als Farbdrogen zu betrachten sind, sei der Rhabarber, die Hydrastis und die Calumbawurzel genannt. Der (europäische) Rhabarber ist in der Lyoner Seidenfärberei noch bis heute in Benutzung.
So spinnen sich zwischen der technischen und der medizinischen Rohstofflehre Fäden hinüber und herüber und es verwischen sich die Grenzen. Keinesfalls erscheint es aber zulässig, daß die technischen Rohstoffe einfach kurzweg als «Rohstoffe» bezeichnet werden, wie dies auf dem Titel von WIESNERS Buche: Die Rohstoffe geschieht. Zu den Rohstoffen gehören unbedingt auch die Arzneidrogen, die ja schon von DIOSCURIDES «arzneiliche Rohstoffe» genannt wurden.
Die Stellung der Arzneidrogen im Systeme der Arzneimittel überhaupt geht aus folgender Übersicht hervor, die ich für die schweizerische Pharmacopoee (Edit. IV, 1907) entworfen habe.
Arzneimittel (Arzneistoffe, Arzneisubstanzen, Arzneien, Medikamente) sind Substanzen oder Substanzgemenge, welche zur Verhütung oder Beseitigung abnormer Zustände oder Vorgänge im menschlichen oder tierischen Organismus oder zur Beschwichtigung störender, unangenehmer oder gefährlicher Erscheinungen in Anwendung gezogen werden. Sie zerfallen in folgende Kategorien:
| I. | In solche, die nicht in eine Arzneiform gebracht worden sind (Arzneiwaren). |
| a) Chemikalien mit Einschluß der anorganischen und organischen chemischen Präparate. b) Pflanzliche und tierische Rohstoffe oder Arzneidrogen. | |
| a) | Chemikalien mit Einschluß der anorganischen und organischen chemischen Präparate. |
| b) | Pflanzliche und tierische Rohstoffe oder Arzneidrogen. |
| II. | In solche, die in eine Arzneiform gebracht worden sind. |
| a) Einfache Arzneimittel. 1. Die einfachen pharmazeutischen oder galenischen Präparate. 2. Die organotherapeutischen, serumtherapeutischen, bakteriotherapeutischen und verwandten Präparate. b) Zusammengesetzte Arzneimittel, aus mehreren Substanzen oder einfachen Arzneimitteln oder beiden zusammengesetzte Mischungen. | |
| a) | Einfache Arzneimittel. |
| 1. Die einfachen pharmazeutischen oder galenischen Präparate. 2. Die organotherapeutischen, serumtherapeutischen, bakteriotherapeutischen und verwandten Präparate. | |
| 1. | Die einfachen pharmazeutischen oder galenischen Präparate. |
| 2. | Die organotherapeutischen, serumtherapeutischen, bakteriotherapeutischen und verwandten Präparate. |
| b) | Zusammengesetzte Arzneimittel, aus mehreren Substanzen oder einfachen Arzneimitteln oder beiden zusammengesetzte Mischungen. |
2. Paralleldrogen und Quid pro quo.
Die Organisation der menschlichen Rassen ist so wenig verschieden, daß auf der ganzen Erde bei allen Menschen ungefähr die gleichen Bedürfnisse nach bestimmten Genuß- und Heilmitteln bestehen. Da jedoch die Flora der Erde, die diese Genuß- und Heilmittel liefert, nicht überall dieselbe ist, so findet man auch nicht überall die gleichen Heilpflanzen. Das bestehende Bedürfnis kann nun auf doppelte Weise befriedigt werden, entweder durch Einfuhr der Droge von außen oder durch Aufsuchen von Paralleldrogen in der Heimat.
Die Einfuhr der Droge setzt das Bestehen von Handelsbeziehungen voraus. So gelangten viele wertvolle Drogen und Gewürze schon im Altertum aus Indien und Afrika in die Mittelmeerländer. Der Costus, der Weihrauch, die Myrrha, die Asa foetida, der Zimt sind im Mittelmeergebiet nicht heimisch. Aber oft genug haben ganz isoliert wohnende Völker, von einem natürlichen Instinkte geleitet, von sich aus Heil- und Nutzpflanzen in der Flora ihrer Heimat aufgefunden, die in der Wirkung im allgemeinen mit denen übereinstimmten, die andere ebenso isoliert wohnende in ihrer Heimat auffanden. So entstanden, aus demselben Bedürfnisse geboren, die Paralleldrogen. Das klassische Beispiel bilden die Glieder der Gruppe der Purindrogen, die sämtlich, wie wir jetzt wissen, ihre Wirkung Purinkörpern verdanken. Das wußten aber die Völker nicht und wissen es auch heute nicht. Der Abyssinier hat die Kaffeepflanze, der Assamit den Teestrauch, der Zentralafrikaner die Kolanuß, der Bewohner des Amazonasgebietes die Guarana, der Zentralamerikaner den Kakao, der Brasilianer den Mate aufgefunden und in Benutzung genommen, ohne davon eine Ahnung zu haben, daß anderwärts Drogen mit ähnlichen Bestandteilen und ähnlicher Wirkung in ähnlicher Weise benutzt werden. Es bestand ein Bedürfnis nach Anregungsmitteln und dies wurde aus der Flora des eigenen Landes gedeckt. Ein natürlicher Instinkt leitete das Volk und eine lange, einzelne Erfahrungstatsachen allmählich summierende Erfahrung tat das übrige. Ähnlich ist es mit den Bandwurmmitteln der Filixgruppe. Hier sehen wir in Europa Aspidium Filix Mas, in Finland und Schweden Aspidium spinulosum, in Südafrika Aspidium athamanticum (die Panna), in Nordamerika Aspidium marginale und goldieanum dem gleichen Zwecke dienen, ohne daß das eine Volk vom anderen und seinen Bandwurmmitteln etwas wußte. Ähnlich verhält es sich mit den Terpentinen, dem amerikanischen, französischen und Tiroler (Lärchen-) Terpentin; mit dem kleinasiatischen, dem amerikanischen und Formosa-Styrax; mit Podophyllum Emodi in Indien und Podophyllum peltatum in Amerika; mit Cort. frangulae und Cascara Sagrada; mit der Rhiz. veratri alb. Europas und der Rhiz. veratri virid. in Amerika. Die genannten sind Paralleldrogen, ein Ausdruck, der, soviel ich weiß, zuerst von HARTWICH in dem Buche «Die neuen Arzneidrogen» (Berlin 1897) benutzt wurde. Der Ausdruck Ersatzdrogen, den HARTWICH auch benutzt, ist weniger glücklich gewählt, da er voraussetzt, daß die eine die Hauptdroge, die andere das Ersatzmittel, gewissermaßen also nur ein Surrogat ist.
Die oben erwähnten Beispiele stellen also nur eine besondere Form der Paralleldrogen dar. Sie wurden gewissermaßen unbewußt gefunden. Man ging nicht etwa darauf aus, ein Bandwurmmittel oder ein Anregungsmittel zu suchen und musterte die ganze Flora daraufhin durch, sondern man beobachtete wohl einmal bei einem ganz gelegentlichen Genusse die eigenartige Wirkung, verfolgte die Sache weiter und kam so in den Besitz des Mittels.