Diesen aus dem Volke heraus geborenen Paralleldrogen stehen nun die bewußt gesuchten gegenüber. Dieselben datieren aus neuerer Zeit, sind aber zahlreicher als die vom Volke gefundenen, allerdings dafür auch in ihrem Werte umstrittener. Zu den Genußmitteln und Taeniciden traten die Herzmittel, die einen Ersatz der Digitalis oder eine verbesserte Auflage derselben bilden sollten, die Abführmittel «ohne schädliche Nebenwirkung», die Stomachica, die Diuretica u. a. m. Aber nur wenige derselben haben sich bisher behauptet und sind als ein bleibender Erwerb des Arzneischatzes zu betrachten. Immerhin soll auch ihnen im Folgenden Aufmerksamkeit gewidmet werden. Bestrebungen, die erst der neuesten Zeit angehören, sind die, welche darauf abzielen, für natürliche Pflanzenstoffe künstliche Ersatzmittel synthetisch darzustellen. So hat man für Chinin, Emodin u. and. Ersatzmittel darzustellen versucht, ist aber meist zu ganz neuen pharmakologischen Individuen gelangt mit neuen Eigenschaften. Diese Bestrebungen liegen schon außerhalb des Rahmens der Pharmakognosie.
Der Heilpflanzenschatz des Volkes ist noch lange nicht ausgeschöpft und für die Heilkunde wirklich nutzbar gemacht. Wenn die wissenschaftliche Medizin wieder mehr als heute zu den Drogen zurückgekehrt sein und die lange Liste, die DRAGENDORFF in seinen Heilpflanzen mitteilt, vorurteilslos durchmustern wird, dürfte sie manch eine finden, an der man jetzt während der Jagd nach neuen chemischen Heilmitteln achtlos vorübergeht. Dann werden sich nicht nur Paralleldrogen, sondern ganz neue pharmakologische Individuen finden, die aller Beachtung wert sind. Denn auch die Paralleldrogen sind doch niemals miteinander ganz identisch, sind nur ähnlich und jede zeigt wieder ihre besonderen Eigenheiten. Kaffee, Tee, Kakao, Guarana, Kola und Mate enthalten zwar alle Körper der Puringruppe, aber die begleitenden anderen Substanzen modifizieren so außerordentlich die Wirkung, daß keines dem anderen gleicht.
Nicht nur bei uns aber finden sich noch brauchbare, wenig beachtete Heilpflanzen, auch in den übrigen Weltteilen hat das Volk vieles entdeckt, was der wissenschaftlichen Heilkunde von Nutzen sein kann. Es gab aber auch wenigstens ehedem Leute, die die z. B. aus der Entdeckung Amerikas und der Auffindung des Seeweges nach Ostindien herrührende Vergrößerung des Arzneischatzes mit kritischen Augen ansahen und sich nichts Gutes davon versprachen, daß die Bewohner gemäßigter Klimate mit tropischen Heilmitteln behandelt wurden.
Auch PARACELSUS bemerkt: «Wie kann man Krankheiten, die in Deutschland auftreten, durch Arzneimittel heilen, die Gott am Nil wachsen läßt».
Die uns heute so merkwürdig anmutende Idee, daß die Heilmittel der Völker, die in gemäßigten Klimaten wohnen, nur im gemäßigten Klima gesucht werden dürfen, und daß die Pflanzen der Tropen nur Heilmittel für tropische Völker sein können, war im Beginn des XVI. Jahrh. weit verbreitet.
«Dieu et nature ont donné à chascune province ce que est nécessaire pour la vie de celle region: car Dieu et nature ne abondent en choses superflues ne délaissent en choses nécessaires et utiles aux vivans», sagt z. B. SYMPHORIEN CHAMPIER, der Verfasser des Myrouel des Appothiquaires, Lyon 1532 (oder 1533).
Dies merkwürdige Buch — eine spätere Auflage trägt den Titel «Le Mirouer des Apothiquaires» — ist von dem Lyoner Arzte CHAMPIER (Campese, Champerius, Camperius, Campegius, Campesius) (* 1471, † 1540) verfaßt und uns durch DORVEAUX (Paris, Welter 1895) zugänglich geworden. Er hält dem Apotheker (Apothecarius, Pharmacopola) einen Spiegel (Myrouel = miroir) vor und weist, kräftig polemisch, auf zahlreiche wirkliche oder vermeintliche Irrtümer in der materia medica hin. Aber nicht nur in diesem, mehr noch in anderen Werken: Castigationes (Lyon 1532), Hortus gallicus (Lugdun. 1533), De gallica theriaca (Lugdun. 1533) vertritt CHAMPIER die Ansicht, daß man die Heilmittel für Frankreichs Söhne in Frankreich suchen müsse. Er macht auch die verschiedensten Vorschläge. In den beiden letztgenannten Werken finden sich Kapitel «Analogia Medicinarum Judarum et Gallicarum» — «Simplicia quae maxime valent contra veniem et quae in Gallia reperiuntur». Lärchenschwamm soll den Rhabarber, Flieder die Aloe, Helleborus das Scammonium, die Pflaumen die Tamarinde ersetzen.
Das war nun freilich auch im XVI. Jahrh. nichts Neues mehr. Denn bekanntlich besitzen wir schon von GALEN ein (übrigens wahrscheinlich unechtes, d. h. ihm nicht zuzuschreibendes) Werk, περὶ ἀντεμβαλλομένων, und auch die Araber (wie z. B. AVICENNA und ABUL MUNA in seinem Minhag ed dukkân) und die ganze Salernitaner Schule lehrten, daß die Verwendung der naturgemäß meist (aber nicht immer) der heimischen Flora entnommenen Succedanea quid pro quo oder Antiballomena zulässig sei. Dem Antidotarium NICOLAI war gewöhnlich ein Tractatus quid pro quo angehängt, ebenso dem Ricettario fiorentino und dem Dispensatorium des CORDUS, in dem z. B. (Autor: SYLVIUS) als erlaubt bezeichnet wird bittere Mandeln durch Absinth, Coloquinten durch Ricinus, Ingwer durch Pyrethrum, Zedoaria durch Aristolochia zu ersetzen. Und auch in dem Compendium aromatariorum des SALADIN VON ASCOLO (XV. Jahrh.), «dem ersten wirklichen Apothekerbuche in unserem modernen Sinne», ist als vierter Abschnitt ein quid pro quo eingefügt. Anfänge eines quid pro quo finden wir übrigens schon in einem griechischen Zauberpapyrus, den LEEMANN und DIETERICH bekannt machten. In ihm finden sich auch Arzneidoppelbenennungen. Die Umnennung von Arzneistoffen in Rezepten ist also schon altägyptisch (OEFELE).
Auch noch in späterer Zeit sind Bestrebungen aufgetaucht, die ausländischen Drogen durch heimische zu ersetzen. TABERNAEMONTANUS vertrat in seinem Kräuterbuch diese Idee in Deutschland,BARTHOLINUS in der Epistola de simplicibus medicamentis Hafn. 1669 in Dänemark, BEVEROVICIUS in Holland, JEAN PRAEVOTIUS in Italien. Aus der Schweiz stammt ein Schriftchen von JAC . CONSTANT DE REBECQUE «Essay de la Pharmacopée des Suisses: En laquelle l’on prétend faire voir que les Médicaments qui naissent en Suisse ou d’eux mêmes ou par artifice, sont suffisans pour composer une Pharmacopée entière et pour la guerison de toutes les maladies du Corps humain, Berne 1709», und aus Belgien: FRANÇOIS XAVIER BURTIN’s «Mémoire sur la question: Quels sont les végétaux indigènes que l’on pourrait substituer dans les Pays-Bas aux végétaux exotiques relativement aux différens usages de la vie? Bruxelles 1784», sowie PIERRE ENGELBERT WAUTERS gekrönte Preisschrift «Repertorium remediorum indigenorum exoticis in medicina substituendorum, Gaud. 1810», und «de plantis belgicis in locum exoticarum sufficiendis, Gaud. 1785».
Besonders aber in Frankreich fand die Lehre von der Ersetzbarkeit der ausländischen Simplicia durch einheimische auch dann noch Vertreter, als Frankreich selbst schon Kolonien besaß; ja bis in die allerneueste Zeit. Außer CHAMPIER (s. oben) traten besonders dafür ein ANTOINE CONSTANTIN GARIDEL (Histoire des plantes, Aix 1715), sowie COSTE und WILLEMET (Matière médicale indigène ou traité d. plant. nation. substit. avec succès à des végét. exot., Nancy 1793), ferner P. H. H. BODART (Cours d. bot. méd. comparée ou exposé des substances végétales exotiques comp. aux plant. indigènes, Paris 1810) und J. L. A. LOISELEUR-DESLONGCHAMPS (Flora gallica 1806, Hist. médic. des succédanées 1830 und Herbier général de l’amateur 1816, 1832 und 1839), sowie in neuester Zeit F. J. CAZIN in seinem Traité pratique et raisonné de l’emploi des plantes médicinales indigènes (Paris 1850. Fünfte Auflage 1886) und GRIBAULT und BOUYSSONS in den Plantes médicinales indigènes (Paris 1905). Und der Apotheker MOUCHON hat 1856 ein Schriftchen verfaßt: Monographie des principaux fébrifuges indigènes considérés comme succédanés du quinquina, in dem er eine ganze Reihe von Ersatzmitteln der Chinarinde aufführt, die aber alle nicht im entferntesten dies Standard-Heilmittel ersetzen können.