Dem Aufsuchen eines heimischen Ersatzmittels für den teuren indischen Zucker aus Zuckerrohr verdankt ja auch die Rübenzuckerindustrie ihre Entstehung. MARGGRAF fand 1747 dieselbe Zuckerart (Rohrzucker) in vielen heimischen Pflanzen.

Das Bestreben, den Arzneibedarf des Landes im Lande selbst zu decken, tritt auch in unserer Zeit vielfach hervor. «Schutzzoll!» «Schutz für die heimische Industrie» sind Schlagworte geworden. Und so tönt denn auch da und dort auch der Ruf: «Fort mit den ausländischen Arzneipflanzen! Decken wir den eigenen Bedarf im eigenen Lande!» Solche Bestrebungen treten z. B. neuerdings in Nordamerika hervor. In Frankreich in dem erweiterten Sinne, daß die These: «Alles aus Frankreich und seinen Kolonien!» auch in allerneuester Zeit von vielen. z. B. von HECKEL, verfochten wird. Der Chinese verwendet seit Jahrhunderten fast nur chinesische Drogen, wenigstens nur solche, die in China gebaut werden. Der Drogenschatz Chinas hat seit Jahrhunderten keine Bereicherung von außen her erfahren.

Der Sache liegt ja ein brauchbarer Gedanke zugrunde, indem bei uns besonders in der letzten Zeit die fremden Drogen gegenüber den einheimischen über Gebühr bevorzugt wurden — man verfiel eben in das entgegengesetzte Extrem — und sicher auch die heimische Flora manch brauchbares Arzneimittel liefern kann. Ich erinnere nur an das ganz obsolet gewordene Equisetum, das ein ganz ausgezeichnetes Diureticum ist. Aber wer wollte heutzutage auf Rhabarber und Aloe, China und Ipecacuanha, Calabarbohnen und Coca, Strophanthus und Cubeben, Hydrastis und Senna, die sicher alle den alten Ehrentitel der «medicinae benedictae» verdienen, verzichten? Gewiß kann man in manchen Fällen Cascara Sagrada durch Rhamnus Frangula ersetzen und auch an den Anbau von Rheum palmatum in einigen Gebirgen Europas denken — wozu schon CONSTANT 1709 riet —, aber die einheimischen Pflanzendrogen sind doch nicht eigentlich Ersatzmittel der ausländischen, sondern besondere, in vielen Fällen gewiß sehr der Beachtung werte pharmakologische Individuen und die tropischen Heilpflanzen lassen sich nie und nimmermehr bei uns kultivieren.

Bei einem Heilmittel frägt man heutzutage nicht mehr woher es kommt, sondern ob es wirksam ist.

Eine sehr originelle Bestimmung hat das Indian and Colonial Addendum der British Pharmacopoeia. Es führt offizielle Ersatzmittel einiger in der britischen Pharmacopoee enthaltenen Drogen auf, die aber nur in den jeweils näher bezeichneten Teilen des britischen Weltreiches als Ersatz dispensiert werden dürfen. Das Addendum stellt folgende Zonen auf:

1. Indien, 2. Afrikanische Kolonien, 3. Australische Kolonien, 4. Östliche Kolonien, 5. Mittelmeer-Kolonien, 6. Nordamerikanische Kolonien, 7. Westindische Kolonien.

So darf z. B. Cort. quercus in 1, 3 und 4 durch Cort. Acaciae, Rad. senegae in 1 und 4 durch das Kraut von Acalypha indica, Chirata in 1 und 4 durch Andrographis paniculata, Rhiz. serpentariae in 1 und 4 durch Stengel und Wurzel von Aristolochia indica, Rhiz. Arnicae in 6 durch Flores Arnicae, Cort. fructus aurantii in 1 und 4 durch die Fruchtschale indischer Citrusarten, Lignum quassiae in 1 und 4 durch die Rinde von Melia azadirachta, Malabar-Kino in 1 und 4 durch das Kino von Butea frondosa, in 3 durch Eucalyptus-Kino, Santonin in 1 und 4 durch Buteasamen, Gambier in 1, 4 und 6 durch Cutch, Rad. Pareirae in 1 und 4 durch die Wurzel von Cissampelos Pareira, Rad. calumbae in 1 und 4 durch die Stengel von Coscinium fenestratum, Folia belladonnae in 1, 4 und 7 durch die Blätter von Datura fastuosa var. alba NEES und D. Metel L., Kusso und Filix in 1 und 4 durch Embeliafrüchte, Secale cornutum in 1, 4, 6 und 7 durch die Wurzel von Gossypium herbaceum, Gummi arabicum in 1 und 4 durch Indisches Gummi von Anogeissus latifolia, Sem. lini durch Plantago ovata, Tub. jalapae in 1 und 4 durch die Samen von Ipomoea hederacea, Gallae in 1 und 4 durch Myrobalanen, Ol. olivarum in 1, 2, 3 und 4 durch Ol. arachidis, Rad. sassafras in 3 durch die Rinde von Cinnamomum Oliveri BAILEY, Rhiz. podophylli in 1 und 4 durch das Rhizom von Podophyllum Emodi WALLICH, Lignum Campechianum in 1 und 4 durch das Holz von Caesalpinia Sappan L., Rad. calumbae durch die Stengel von Tinospora cordifolia, Cortex cuspariae durch die Wurzel von Toddalia aculeata, Tubera Jalapae in 1, 4 und 6 durch Rad. Turpethi, Rad. Ipecacuanhae in 1 und 4 durch die Blätter von Tylophora asthmatica, Bulbus Scillae in 1 und 4 durch die Zwiebeln von Urginea indica, Rad. valerianae in 1 und 4 durch das Rhizom von Valeriana Wallichii DC. ersetzt werden.

Diese Liste stellt also ein ganz modernes, aus dem XX. Jahrh. stammendes Quid pro quo dar, das allerdings durch die enorme Ausdehnung des britischen Reiches bedingt ist und gerechtfertigt werden kann, letzteres allerdings wohl nicht in allen Punkten.

Die Antiballomena oder Succedanea quid pro quo waren ursprünglich nicht pharmakologischen Bestrebungen entsprungen, sondern einer Notlage, die daher kam, daß es für den Apotheker in damaliger Zeit, besonders bei den unvollkommenen Verkehrsverhältnissen, nicht immer leicht war, die in den Dispensatorien vorgeschriebenen vielen Hunderte von Heilpflanzen und Drogen zu beschaffen, die ihm zudem meist nur durch den Namen, den sie trugen, nicht durch eine klare und sichere Beschreibung bekannt waren, deren Namen zudem so wechselnd und in ihrer Synonymie so schwankend waren, daß die Beaufsichtiger der Apotheken im XV. und XVI. Jahrh. jedem Apotheker die Anschaffung eines Synonymariums oder Glossariums zur Pflicht machen mußten. Heutzutage ist die Verwendung der Succedanea mit Recht verboten, da ja bei der geringen Zahl und leichten Beschaffbarkeit, sowie der scharfen Charakterisierung der Drogen ein Notstand nicht besteht. Aber wir können uns doch den in den oben zitierten Werken liegenden fruchtbaren Gedanken zunutze machen und mehr als bisher in der heimischen Flora nach brauchbaren Heilpflanzen suchen. Dort werden sich nicht nur Paralleldrogen und Succedanea längst auch von der Schulmedizin anerkannter Arzneipflanzen, sondern auch neue pharmakologische Individuen finden. Um sie aufzusuchen, brauchen wir nur einmal ein solches altes Verzeichnis der Succedanea, wie es den Antidotarien angehängt zu werden pflegte (s. oben), zur Hand zu nehmen. Da findet sich mancher Fingerzeig.

Auch der andere fruchtbare Gedanke, es mit der Kultur ausländischer Pflanzen bei uns zu versuchen, ist, wennschon, wie erwähnt, nur in beschränktem Maße, diskutabel.