Außer von Paralleldrogen spricht HARTWICH noch von Erweiterungsdrogen. «Sie schließen sich den alten an, übertreffen sie aber in irgend einer Richtung, sei es, daß sie kräftiger und sicherer wirken, sei es, daß ihnen schädliche Nebenwirkungen beim Gebrauche abgehen.» Dahin gehören: Hydrastis, Cascara Sagrada, Condurango, Strophanthus. Die Grenze zwischen den Paralleldrogen und den Erweiterungsdrogen ist vielfach verwischt. Guarana rechnet z. B. HARTWICH zu den Erweiterungsdrogen, ich zähle sie zu den Paralleldrogen. Das gleiche gilt von der Sagrada.
Als Strophanthus und Hydrastis bekannt wurden, begann man überall lebhaft nach neuen Pflanzendrogen zu suchen und in der zweiten Hälfte des XIX. Jahrh. wurden gegen 1500 neue Drogen aus aller Herren Länder angeboten — meist solche, die in der Volksmedizin der betreffenden Länder in Anwendung waren.
3. Entwicklungsgeschichte des Arzneidrogenschatzes.
Die Entwicklungsgeschichte des Arzneidrogenschatzes vollzog sich in folgenden großen Zügen (das Detail im historischen Teile). Die von den Ägyptern, Babyloniern und Juden im Altertum benutzten Drogen (Mastix, Ladanum, Lein, Mohn, Sesam, Ricinus, Coriander, Faenum graecum, Gummi, Myrrha, Weihrauch, Galbanum, Curcuma), zu denen China den Zimt, Vorderasien noch den Safran, das Olivenöl und Aloeholz, die Phönizier durch ihre Handelsbeziehungen Aloe und Ingwer, sowie den Costus beisteuerten, kamen auf die Griechen, die den Arzneischatz nicht sehr vermehrten; die Züge Alexanders brachten ihnen aber z. B. den Pfeffer. HIPPOKRATES kannte nur etwa 60 pflanzliche Simplicia (darunter Scilla, Nieswurz, Mandragora und Opium — durch Pressen gewonnen), durch die Weltherrschaft der Römer, die sie mit fast allen bekannten Völkern in Berührung brachte, stieg der Bestand des Arzneischatzes rasch und DIOSCURIDES kannte schon ca. 800 Arzneipflanzen (darunter Absinth, Agaricum, Kalmus, Bdellium, Cardamomen, Iris, Levisticum, Salep). Auch das Süßholz, Cort. granati, Euphorbium, Castoreum, Sandarac, Scammonium, Terebinthina, Traganth, Succus liquiritiae, Styrax und Rhiz. filicis wurden damals bekannt Diesen fügten dann die Araber Tamarinden, Fruct. Sennae, Rhabarber, Myrobalanen, Sem. strychni, Cubeben, Nelken, Narde, Galgant, Campher hinzu. Im späteren Mittelalter trat dann noch Cina dazu und nun kamen auch die zahllosen heimischen Arzneipflanzen zu Ehren (Pimpinella, Anis, Althaea, Mentha, Petroselinum, Rosmarinus, Ruta, Salvia, Sinapis, Inula, Thymus, Valeriana, Aconitum, Conium, Daphne, Angelica), einige derselben als Ersatz orientalischer Drogen, also vom Charakter der Paralleldrogen (z. B. Carum carvi für Cyminum). Die Schule von Salerno brachte die schon früher bekannte Asa foetida und Ammoniacum zu Ehren und fügte Benzoe, Fol. Sennae, Macis und Sanguis draconis hinzu, die Kreuzzüge die Agrumi (Citrusarten), Zuckerrohr, Baumwolle und Datteln. Die Entdeckung des Seeweges nach Ostindien führte dem Arzneischatz Sternanis, Tee (1638), Colombowurzel, Coccelskörner und Gutti zu.
Die wertvollste Bereicherung brachte die Entdeckung Amerikas, durch welche Europa viele neue Drogen erhielt (Chinarinde, Ipecacuanha, Jaborandi, Cacao, Tabak, Peru-, Tolu- und Copaivabalsam, Jalape, Vanille, Sabadilla, Guajac, Cascarilla, Elemi, Capsicum, Piment, Campeche und Fernambuc, Sassafras, Sarsaparille, Serpentaria, Orlean, Rhiz. podophylli).
Da zu den altüberlieferten und amerikanischen nun auch noch immer mehr einheimische Arzneidrogen traten, erreichte der pflanzliche Arzneischatz Europas im XVII. und XVIII. Jahrh. seinen Höhepunkt (s. oben S. 17). Im XIX. Jahrh. trat ein Rückschlag ein, der zunächst zu einem Zustande des Drogen-Nihilismus, dann aber, als wertvolle neue Drogen gefunden wurden, zu einer Gegenreaktion führte. Die Drogen kommen jetzt wieder zu Ehren. Die Entdeckung Australiens brachte das Acaroid, die Neu-Seelands das Kauriharz.
Das XVIII. Jahrh. fügte von wertvollen Drogen Lignum quassiae (1730 resp. 1742), Rad. Senegae (1738 TENNENT), Rad. ratanhia (1746 REIF), Capaloe (1773), Herb. menth. pip. (1705 DALE, 1724 RAY), Ol. cacao (1719 DE QUELUS), Rhiz. podophylli (1731 CATESBY), Ol. cajeputi (1731), Cort. simarubae (1718), Spigelia marylandica (1739), Kino (1757), Cort. salicis (1763 als Chinaersatz), Rad. calumbae (1771), Ol. jecoris (1782), Cort. Geoffroyae und Angosturae (1788), Ol. menthae pip. dem Arzneischatze ein.
Das XIX. Jahrh.: Rad. ratanhiae (1816), Cubebae (1818), Herb. lobeliae (1813 CUTLER, 1830 in Deutschland), Malabarkino (1811), Glandulae lupuli (1813), Ol. crotonis C(1819 ONWELL, 1830), Kusso (1822 BREYER, 1834), Bucco (1821), Spilanthes (1823), Fol. Matico (1827 in Amerika, 1839 in Europa eingeführt), Quassiabecher (1835), Copalchi (1817), Sem. Calabar (1863 FRASER), Coca (1860), Dammar (1820, resp. 1827), Guttapercha (1845 resp. 1847), Kautschuk (1840) und Balata (1860), Quebracho (1879), Condurango (1871), Coto, Boldo, Damiana, Rad. Gelsemii (1830), Eucalyptus (1866), Guarana (1817 CADET GASSICOURT), Penghawar Djambi, Cascara Sagrada (1877, resp. 1883), Kamala (1841), Japanwachs (1846), Herb. cannab. ind. und Rad. sumbul (1847), Piscidia erythrina (1835), Ol. sinapis (1836), Styrax (1865), Carrageen (1831 resp. 1834), Laminaria (1834), Sem. strophanthi (1860), Cort. adstringens, Araroba (1874), Palmöl (1827), Patchouli (1825, resp. 1844), Rad. ozizabae (1833), Tampicojalape (1863), Tupeloholz (1879), Balsamum Dipterocarpi (1842), Cera japonica (1834), Gallae chinenses (1845), Fol. jaborandi (1871), Chrysarobin (1874), Cort. quillajae (1857), Rhiz. hydrastidis (1833 in Amerika, 1884 in Europa), Sem. arecae (1803), Carnaubawachs (1846), Anacahuit (1860).
Fig. 7.
Die Erdteile bringen der thronenden Medizin ihre Gaben an Arzneipflanzen und Tieren dar. Verkleinertes Titelblatt der Pharmacopoea regia des Charas (1684).