«Die zarten Pflanzen, z. B. Schopflavendel, heller Gamander, Polei, Eberreis, Seebeifuß, Wermut, smyrnäischer Dosten und ähnliches muß man sammeln, wenn sie im Samen stehen, die Blüten aber vor ihrem Abfallen, die Früchte, wenn sie reif sind, und die Samen, wenn sie zu trocknen beginnen vor dem Abfallen. Die Pflanzensäfte muß man bereiten aus den Stengeln, wenn sie eben ausschlagen. Ähnlich verhält es sich mit den Blättern. Die ausfließenden Säfte aber und die Tropfenausscheidungen muß man gewinnen, indem man die Stengel anschneidet, wenn sie sich noch in voller Kraft befinden. Die zum Aufbewahren und zum Saftausziehen, sowie zum Abziehen der Rinde bestimmten Wurzeln sammelt man, wenn die Pflanzen anfangen die Blätter zu verlieren.»

Fig. 70.
Einsammlung der Pfefferminze bei Mitcham (U. S. A.). Schneiden mittelst Maschine und Binden zu Ballen.
[Nach John Jakson.]

Fig. 71.
Ernte des Zuckerrohrs in Amerika (New Orleans).

Eine richtige Beobachtung liegt auch der Forderung der Alten zugrunde, daß Thapsia (Th. Silphium und garganica) nur gegraben werden dürfe, nachdem die nackten Teile der Haut gehörig eingesalbt worden waren, denn hier konnte der Milchsaft reizend wirken. Auch die Vorschrift, die sich bei MACBETH findet: «Root of hemlock digg’d i’ the dark» stimmt, wie LANDER BRUNTON hervorhebt, mit den pharmakophysiologischen Ergebnissen überein.

Daß Arzneipflanzen erst durch eine besondere Weihe seitens der Kirche ihre wahre Heilkraft erhalten, ist in katholischen Gegenden Deutschlands auch heute noch ein allgemein verbreiteter Glaube. Mariä Himmelfahrt (15. August), der Festtag, an dem auf dem Lande die Heilkräuter geweiht werden, heißt im Volke ausdrücklich «Frauenkräutltag» und der Kräutlweih ist ein im XX. (!) Jahrh. verfaßtes, übrigens recht hübsches Gedicht einer katholischen Schriftstellerin gewidmet, die unter dem Namen M. HERBERT schreibt. Es lautet:

Ich ging am Frauenkräutltag

Zur Nacht hinaus in tiefem Schweigen.

Es war kein Mensch im weiten Rund