Fig. 67.
Safran-Ernte. Ablösen der Safrannarben von den Blüten.
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GRÖSSERES BILD
Im Mittelalter hatte man die merkwürdigsten Anschauungen über die Einsammlungszeit. In der wohl aus dem IV.–VI. Jahrh. stammenden Schrift HERMETIS TRISMEGISTI περὶ βοτανῶν χυλώσεως werden z. B. die Arzneipflanzen direkt nach den Sternbildern benannt, in deren Zeichen sie zu sammeln sind, um ihre beste Arzneiwirkung zu üben. Eine Pflanze, die im Mai, wenn die Sonne im Zeichen des Stieres steht, gesammelt werden muß, um wirksam zu sein, heißt «Kraut des Stieres», eine, die im November zu sammeln ist, wenn die Sonne in dem Zeichen des Skorpions steht: «Kraut des Skorpions». So ist Anagallis: Kraut des Schützen, Aristolochia: Kraut der Fische, Calaminthe: Kraut der Jungfrau, Cyclaminos: Kraut des Löwen, Elelisphacos (Salvia): Kraut des Widder, Lapathon (Rumex): Kraut des Steinbock, Marathron: Kraut des Wassermann, Peristereon hyptios (Verbena supina): Kraut der Zwillinge, Scorpiurus: Kraut der Wage, Symphytos: Kraut des Krebses. Dann wird an gleicher Stelle auch ein Kraut des Saturn (Sempervivum), ein Kraut des Merkur (Phlomos = Verbascum), ein Kraut des Mars (Peucedanus), ein Kraut der Venus (Panaces, Adiantum), ein Kraut der Sonne (Heliotropion), ein Kraut des Jupiter (Eupatorium), ein Kraut des Mondes (Aglaophotis) erwähnt.
Fig. 68.
Safranernte. Sammeln der Blüten.
Fig. 69.
Pflücken der Tabakblätter auf einer Tabakplantage Jamaikas.
Gegenüber all diesem Aberglauben ist wieder das, was DIOSKURIDES vor fast 2000 Jahren über das Einsammeln sagte, von größter Sachlichkeit, es klingt ganz modern.
«Vor allem», sagt er, «ist es notwendig, mit Sorgfalt bedacht zu sein auf die Aufbewahrung und das Einsammeln eines jeden Mittels zu der ihm angepaßten geeigneten Zeit. Denn davon hängt es ab, ob die Arzneien wirksam sind oder ihre Kraft verlieren. Sie müssen nämlich bei heiterem Himmel gesammelt werden; denn es ist ein großer Unterschied darin, ob die Einsammlung bei trockenem oder bei regnerischem Wetter geschieht, wie auch, ob die Gegenden gebirgig, hoch gelegen, den Winden zugängig, kalt und dürr sind, denn die Heilkräfte dieser Pflanzen sind stärker. Die aus der Ebene, aus feuchten, schattigen und windlosen Gegenden sind zumeist kraftloser, um so mehr, wenn sie zu ungeeigneter Zeit eingesammelt werden oder aus Schlaffheit hingewelkt sind. Auch ist freilich nicht außer acht zu lassen, daß sie oft durch die gute Bodenbeschaffenheit und das Verhalten der Jahreszeit früher oder später ihre volle Kraft haben. Einige haben die Eigentümlichkeit, daß sie im Winter blühen und Blätter treiben, andere blühen im Jahre zweimal. Wer hierin Erfahrungen sammeln will, der muß dabei sein, wenn die neuen Sprossen aus der Erde kommen, wenn sie sich im vollen Wachstum befinden und wenn sie verblühen.»