THURNEYSSER, ein Anhänger des PARACELSUS, schreibt in seinem Kräuterbuche Historia und Beschreibung Influentischer, Elementischer und natürlicher Wirkungen aller fremden und heimischen Erdgewächse, auch ihrer Subtilitäten usw., Berlin 1578:
Verbeen, Agrimonia, Medelger, charfreytags graben
hilft dir sehr, daß dir die fraven werden hold,
doch brauch kein eisen, grabs mit goldt!
Außerdem muß es liegen bleiben bis Morgentau darauf fällt, der Sammler muß bis Sonnenaufgang dabei bleiben und dann erst es aufheben. Mit Eisen darf es nicht in Berührung kommen.
Fig. 65.
Sammeln der Rosenblüten in Bulgarien.
Aber ganz ist diese Form des Aberglaubens auch heute noch nicht im Volke, selbst von Europa, ausgerottet, wie Gerichtsverhandlungen unserer Tage gelegentlich enthüllen. Und erst recht nicht bei den halbzivilisierten Völkern Asiens. A. G. VORDERMAN zeigte (Planten-animisme op Java, Teysmannia 1896), wie auch auf Java der Volksglaube einer Beseelung der Pflanze zu finden ist und sich oft in naiver Weise äußert. So wirkt nach javanischem Glauben die Pflanze Sarcolobus narcoticus zwar auf Tiger und Wildschweine giftig, nicht aber auf den Menschen. Wer also diese Pflanze als Tigergift sammeln will, muß die Pflanze zu dem Wahne bringen, daß sie von einer wilden Bestie, nicht aber von einem Menschen gepflückt werde, damit Sarcolobus seine höchste Giftigkeit auch richtig äußere. Der Sammler nähert sich also der Pflanze nachts, auf allen Vieren kriechend und Tierlaute nachahmend! Ist einmal die als Gift benutzte Rinde eingesammelt, so muß man sich hüten, dieses Gift in die Nähe einer Leiche zu bringen, sonst denkt der Sarcolobus, er habe bereits seine Schuldigkeit getan und verliert seine Giftigkeit. GRESHOFF glaubt, daß gerade bei Sarcolobus die Idee einer Pflanzenseele so ausgeprägt ist, weil diese auf Java in großem Umfange benutzte Giftpflanze oft ihre Wirksamkeit — auf der Anwesenheit einer harzigen, leicht zersetzlichen, coniinartig wirkenden Substanz Sarcolobid beruhend — bei längerem Aufbewahren einbüßt und man sich mit dieser wohlbekannten Erfahrung abfinden wollte.
Fig. 66.
Einsammlung der Cassieblüten bei Grasse.