Besonders enthält aber des ZACUTUS LUSITANUS (1575–1642) Pharmacopoee aus dem Jahre 1641 (vgl. die Besprechung von RICH. LANDAU Janus, 1899) sehr genaue Vorschriften über Einsammlung und Trocknung der Vegetabilien.
Auch die Lehren der chinesischen Pharmakologie, die sonst viel Phantastisches enthalten, betrachten die Wirksamkeit einer Heilpflanze als abhängig vom Boden, von der Einsammlungszeit, der Art des Trocknens. «Man soll die zu Heilzwecken bestimmten Pflanzenteile im Frühjahr früh morgens und im Herbst abends einsammeln. Früchte, Blätter, Blüten und Stengel müssen in ganz reifem, ausgebildetem Zustande geerntet werden.»
Fig. 63.
Orangenblütenernte in Bar sur Loup bei Grasse.
[Aus Roure-Bertrand fils Berichte.]
Daß man Arzneipflanzen nicht zu jeder beliebigen Zeit einsammeln dürfe, war also schon den Alten bekannt. Die Rhizotomen (s. [Geschichte]) wußten auf diesem Gebiete offenbar gut Bescheid, doch hat THEOPHRAST, der selbst einige Regeln über das Einsammeln der Wurzeln und Früchte gab, sicher Recht, wenn er meint, daß von den Vorschriften der Rhizotomen und Pharmakopolen «einiges zweckmäßig, anderes marktschreierisch», und man kann hinzufügen, noch anderes auf Aberglauben beruhend ist. Die Rhizotomen gaben nämlich nicht nur Vorschriften über die Zeit der Einsammlung — welche Pflanzen bei Nacht, bevor die Sonne darauf scheint, welche bei Tage zu graben sind, sondern erachteten auch manchen Hokuspokus dabei für erforderlich: Thapsia solle man mit Öl gesalbt vom Winde abgewandt graben, vor der Einsammlung der Nießwurz solle man Lauch essen, beim Graben der Kentauris (Centaurea Centaur.) müsse man sich vor der Weihe hüten.
Fig. 64.
Einsammlung der Veilchen in einem Olivenhain in Grasse.
«Auch den Mandragoras (vgl. [Fig. 62]) solle man dreimal mit dem Schwerte umziehen und gegen Abend gewandt abschneiden; ein anderer aber solle rings um ihn her tanzen und viel von Liebeswerken reden. Gleicherweise solle man beim Kümmel, wenn man ihn sät, Lästerungen reden. Auch um die schwarze Nießwurz solle man einen Kreis beschreiben, sich gegen Mittag stellen und beten und sowohl rechts wie links auf den Adler acht geben, denn er bringe dem Grabenden Gefahr; käme er ihnen nahe, so stürben sie in demselben Jahr.» «Das alles», sagt schon THEOPHRAST, «scheint ungereimt zu sein».
Doch spielt das mit geheimnisvollen Zeremonien umgebene Graben und Verarbeiten von Heil- und Giftpflanzen auch im Volksaberglauben der nördlichen Völker noch in viel späterer Zeit eine große Rolle (vgl. z. B. MACBETH).
Durch PARACELSUS ist die Beziehung der Einsammlung zum Stande der Gestirne betont worden und bei SCHRÖDER finden wir ein sehr langes Kapitel, in dem diese Beziehungen auf das ernsthafteste eingehend behandelt werden. Für die Einsammlung gibt nämlich J. CHR. SCHRÖDER in seiner Pharmacopoea medico-physica 1641 (s. [oben]) auf astrologische Erwägungen gegründete Vorschriften in dem Kapitel, das überschrieben ist: «de colligendi tempore secundum influentias particulares». Für die Einsammlungszeit ist die Stellung der Gestirne, die Nativitätsstellung, maßgebend. «Tempus colligendi nativa influentiarum siderearum ratione censetur aptius, quo Planeta rei colligendae familiaris in suis fuerit fortitudinibus, idque tanto convenientius judicatur, quanto plures fortitudines Planeta idem obtinuerit.» (Ähnlich in CRÜGENER Neu verm. Chymischer Frühling, sambt einer Astrolog. Continuat. d. Gewächse zu samblen, Nürnberg 1654 u. Chymischer Sommer 1656.) Aber bereits SALADIN VON ASCOLO bezeichnet diese astrologische Methode des Einsammelns lange vor SCHRÖDER als eine «doctrina speculativa».