Aber einstmals soll es doch

Hier auch Frucht und Blüte geben.

Mose ibn Esra war ihm der, welcher berufen war, ihn zu läutern, „das Gold zu scheiden von seiner Schlacke“. Er war ihm dichterisches und menschliches Ideal, das Urbild der Demut und Selbstbeherrschung. Welch trauriger Irrtum: Mose ibn Esra führte ein wilderes, zerfahreneres Leben als Jehuda Halevi, dem aller Jammer, dessen sein Leben voll war, von einem herrlichen Frohgemüt übersonnt war, während der andere an seinen eigenen Launen zerschellte.

Am Ende des Lebens entfremdeten sich die Freunde, wofür die Schuld wohl eher in Mose ibn Esra zu suchen sein wird, den der strahlende Ruhm des Jüngeren seinem Charakter nach kränken mußte. Als er 1138 starb, sang ihm Halevi dennoch das Grablied: – „Mose, Mose, mein Bruder, Licht meines Mondes, meine Sonne, meine Leuchte, meines Glanzes Quell von alten Tagen her!“ –

IV

Vom Norden her sandte Jehuda Halevi seine ersten Verse nach dem schönen Granada. Dann aber kam er selbst nach dem Süden. Warum? – Wir wissen es nicht. So klar uns der Lebens- und Stimmungsgehalt der nun folgenden Epoche ist, so dunkel und tatsachenarm ist sie. Um 1100, also mit ungefähr siebzehn Jahren, befand sich der Dichter schon im Süden Spaniens, und zwar zunächst im Südwesten. Die allgemein verbreitete Annahme, daß er die Hochschule des berühmtesten jüdischen Gesetzlehrers jener Zeit, Isak Alfasi, in Lucena besucht habe, ist nichts als eine leere Vermutung, die sich auf die Tatsache stützt, daß er beim Tode Alfasis (1103) sechs Zeilen schrieb und die Einsetzung des jungen, ihm befreundeten Josef ibn Migasch in den erledigten Lehrstuhl dieses Meisters in einem Hymnus feierte. Jehuda Halevi zeigt in allen seinen Werken keineswegs mehr, eher weniger als die talmudische Durchschnittsbildung seiner Zeit. Vielmehr ist anzunehmen, daß dem herangewachsenen Jüngling die einfache materielle Sorge nach dem an Existenzmöglichkeiten reicheren Süden trieb. Mit seiner Ankunft in Andalusien beginnt eine Zeit der Kämpfe und Irrfahrten für ihn. Von Stadt zu Stadt wanderte er, ohne einen festen Halt zu gewinnen. Der Kampf um den Bissen Brot jagte ihn durchs Land. Sevilla, Granada, Guadix, Malaga, Lucena waren die Städte, in denen er sich aufhielt, doch immer nur kurze Zeit. Den Arztberuf, dem er später oblag, scheint er hier noch nicht ausgeübt zu haben. Vielmehr lebte er allem Anschein nach von seiner Feder. Er dichtete Hochzeitslieder und erhielt Honorare dafür. Er besang die Koryphäen seiner Zeit, die ihm ihrerseits Ehrensolde übersandten, oder ihn, wie es Sitte war, in ihrem Hause wohnen, an ihrem Tische essen ließen. Zeitweise ging es ihm so erbärmlich, daß er an reiche Leute Bettelgedichte richten mußte, um sein Leben zu fristen. Es war nur zu verständlich, daß sich in dieser Zeit seiner im tiefsten Grunde heiteren und lebensfrohen Seele recht oft die verzweifeltsten Stimmungen bemächtigten. Er fühlte sich von allen verlassen und es war ihm, als hätte sich die ganze Welt gegen ihn verschworen. Einsam und verwaist nannte er sich. Dabei wuchs natürlich sein Bedürfnis nach Freundschaft, noch mehr aber seine Empfindlichkeit. So geriet er immer tiefer in eine Stimmung hinein, welche der Kulturstimmung jener Zeit ähnlich war: Weltschmerz und Lebensverachtung.

V

Auf die Epoche des Glanzes war in Andalusien eine Epoche der tiefsten Erniedrigung gefolgt. Der Stern des Islam war im Verblassen. Vom Norden her bohrte das Königreich Kastilien seinen Stachel den Mauren immer tiefer ins Fleisch. Nachdem Ferdinand (1037-1067) gestorben war, bestieg sein Sohn Alfons VI. den Thron von Kastilien. Dieser übernahm den Kampf gegen den Islam als heiliges Vermächtnis von seinem Vater, und es gelang ihm infolge der Zersplitterung des mohammedanischen Spaniens, die kleinen Territorialfürsten Andalusiens zum Tribut zu zwingen. 1085 wagte er den ersten großen Vorstoß, dem der wichtigste Verteidigungspunkt der Mauren, der Turm am Tore Andalusiens, Toledo, zum Opfer fiel. Ganz Südspanien erbebte unter diesem Schlage. Die Verwirrung und Angst wuchs von Tag zu Tag. Da tat der Emir von Sevilla, der schon mehrfach genannte Al Motamid, den verhängnisvollsten Schritt, den er überhaupt tun konnte. Er rief den in Nordafrika regierenden Almoraviden Jussuf ibn Taschfîn mit seinen Berberscharen zu Hilfe. Dieser kam und erfocht gegen die Christen in der furchtbaren Schlacht von Sallaka (1086) einen vollen Sieg. Der Süden schien gerettet. Nach der Schlacht ließ Jussuf aus den gefallenen Christenleibern einen Riesenturm aufschichten, von dessen Spitze der Muezzin nach allen vier Winden ausrufen mußte, daß es keinen Gott gebe außer Allah: lâ allâh ill’ allâh. Trotzdem blieb der Sieg unausgenutzt, und als Jussuf nach Nordafrika zurückgekehrt war, stand alles wie vorher. Wieder stieg die Not aufs Höchste. Da erschien Motamid selbst in Nordafrika, um Jussuf persönlich zu veranlassen, noch einmal der Retter zu sein. Jussuf kam. Aber er ging nicht wieder, ohne sich seinen Lohn genommen zu haben. Er machte dem Zaunkönigtum in Andalusien mit einem Schlage ein Ende, Granada und Malaga fielen, dann Cordova und Carmona. Al Motamid mit seinen Söhnen wehrte sich tapfer. Aber es half ihm nichts. Er mußte den schrecklichen Tod seiner Söhne erleben, um schließlich in den Kerker zu Adschmât zu wandern, wo er nach vier Jahren schwerer innerer Leiden, gebrochen an Leib und Herzen, seine königliche Dichterseele aushauchte. Das war im Jahre 1095.

Jussuf ibn Taschfîn hatte Andalusien unterworfen. Geholfen aber hatten ihm dabei nicht nur seine wilden Berbern, sondern auch als unversöhnlichste Truppe die orthodoxen Gelehrten des Islam, die Fakîhs. Sie begannen jetzt das Regiment zu führen. An Stelle der früheren Schönheit und Leichtigkeit des Lebens machte sich der bigotte Geist dieser orthodoxen Emporkömmlinge breit. Frömmelei und Beterei vernichteten alle Blüten der früheren Freiheit. Die graziöse Geste der Lebensfreude wurde erstickt in dem Buchstabenknäuel des koranischen Gesetzes. Ketzerriecherei und Angebertum schlossen den fröhlich leichtsinnigen Mund des gebildeten Volkes. Als gar Jussuf das Zeitliche gesegnet hatte (1106), und sein bigotter, unbedeutender Sohn Alî an seine Stelle trat, stieg die innere Not Andalusiens auf den Gipfel. Niemand fühlte sich im Lande wohl außer den Fakîhs und dem Pöbel. Die Philosophen schwiegen, denn Philosophie war verpönt. Die Freigeisterei wurde verfolgt. In den Städten spielten die brutalen, unsauberen Berbern die Hauptrolle. Die Dichter, noch vor zwanzig Jahren die Lieblinge des Volkes, gerieten in tiefste Armut. Sie hatten keine Beschützer mehr. Wer von ihnen nichts auf sich hielt, lief den Fakîhs nach und sang ihr Lob, um von ihnen Geld zu erhalten. Die Spekulation auf die Eitelkeit dieser frommen Leute war auch richtig, aber sie bezahlten schlecht, und wer seine Kunst in Ehren hielt, mochte sie nicht besingen. Ibn Bakî, einer der begabtesten Dichter, welche Andalusien überhaupt hatte, irrte wie ein Landstreicher von Stadt zu Stadt.

Es ist kein Wunder, daß unter diesen Umständen der bessere Teil der andalusischen Bevölkerung in dumpfe Verzweiflung geriet. Die meisten von ihnen hatten die schönen Tage der Freiheit noch gesehen. Um so tiefer deuchte ihnen jetzt ihr Fall. Es war alles so schnell gekommen. Was früher unten war, war jetzt oben, die Verachtetsten waren die Mächtigsten geworden. So wurde dem Volke damals mehr denn je das Wechselspiel des Lebens klar. Und da der Druck immer unleidlicher wurde, so kam es, daß im Lande die alten Lebenswerte entwertet wurden, und die Sehnsucht nach etwas Neuem, Höherem erwachte.