Und was war ihm sein Dichten? Nicht ein Beruf, aber eine Berufung. Er dichtete nicht, wie der Schuster schustert. Er glaubte an die Intuition alles dichterischen Schaffens. Ihm war das Höchste „der Tropfen, der vom Eimer rann“. Der Schaum über dem Meere. Das Meer der Weisheit krönt sich mit dem Schaum der Poesie. Es spricht durch den Schaum, und ihm war es prophetische Sprache. Oft klagt er, „daß er keine Vision erfassen könne“, ein anderes Mal überwältigen ihn die Verse, „ohne daß der Gedanke sie rief“. Dann wieder redet er sie an: „Wie seid ihr müde, ihr Verse, ihr meiner Gedanken Flügel wie so lahm? Zur falschen Stunde seid ihr immer gekommen, jetzt zur rechten schweiget ihr.“ Als er einst mit den Freunden beim Gastmahle saß, forderten sie ihn auf, zu improvisieren. Er aber weigerte sich. Da wurden die Freunde immer fröhlicher, tranken und jauchzten ihm zu, bis er, vom Weine bezwungen, begeistert aufsprang und zu deklamieren begann: – ein echt orientalisches Bild: Hafis in der Schenke. Jehuda Halevi dichtete, wenn er nicht anders konnte. Die Verse waren ihm unbändige Füllen, die sich oft „in seinen Zaum nicht schicken wollten“, manchmal aber plötzlich in seinem Zügel waren und den Taumelnden mit sich rissen. Er war ein echter Prophet der Dichterwelt. Und als Prophet fühlte er sich. In seinem Werke Al Chazârî spottet er derer, welche der Dialektik bedürfen, um ins Innere der Natur zu dringen. Sie sind ihm wie Dichter, die Silben zählen. „Der Schwachkopf braucht Dialektik, dem von der Natur zur Gottesschau Begnadeten fällt eines frommen Wortes Funken ins Herz, und schon steht seine Seele im Licht.“
Wenn Jehuda Halevi so sprach, sprach er von sich selbst. Dieses Selbstbewußtsein aber lehrte ihn schätzen, was er hatte, und verachten, was ihm versagt war. Sein war der bessere Teil: –
Und sie fragen: Kannst du leben
Ohne Bruder freudevoll? –
Ja, ich kann’s: aus eigner Seele
Stets mir meine Freude quoll!
Und ebenso lernte er den Pöbel hassen, den gebildeten Pöbel vor allem, lernte es, „seine Perlen zu vergraben“, zu sorgen, daß „seines Goldes kein Ring in den Rüssel eines Schweines komme“. Dieser Haß gegen die Welt blieb ihm bis an sein Lebensende. Er hat seiner Zeit nie ganz vergeben können, was sie an ihm gesündigt hat. Noch in seinen letzten Tagen klagte er über die Menschen, die gerade die Besten immer leiden lassen, über die Fürsten, die mit ihrem Golde sein Gottesgnadentum anzutasten wagten.
Trotzdem entwand er sich von Jahr zu Jahr mehr der Verbitterung, die seine jungen Tage vergällt hatte. Seine frohe Religiosität blieb Siegerin. Er hörte auf, zu hoffen auf das, was die Menschen Glück nannten, und nichts blieb als der triumphierende Stolz des Dichters auf sein gnadenreiches Leben. Was waren alle Schätze der Erde neben seinem Reichtum, alle Pfeile des Neides und Hasses gegenüber seiner göttlich gefeiten Brust:
Sprechet nur zur Welt, zur schlimmen:
Mag sie tun, was ihr gefällt,