Und läßt vor Seheraugen

Sein ganzes Bild erstehn;

Sonst mochte nie ihm taugen

Daß Menschen ihn ersehn.

Was nie sich wollt’ gestalten,

Sein Bildnis oder Maß, –

In königlichem Walten

Prophetenauge sah’s.

Das ist echt Gazzâlîsche Inbrunst. Es verkennen, hieße blind sein. Daraus folgt aber gleichzeitig, daß all diese zahlreichen Lieder aus der Zeit nach 1108 stammen, in welchem Jahre ungefähr die Werke Gazzâlîs in Spanien bekannt wurden. Wahrscheinlich sogar wurden sie erst nach 1120 gedichtet. Die religiöse Reife, die aus ihnen spricht, beweist, daß unser Dichter die Jahre seines Irrens hinter sich hat, daß er mit sich selbst im Reinen ist, daß er weiß, wo die Wurzeln seiner Kraft liegen. Gazzâlî war Jehuda Halevis Wegführer geworden und blieb es bis an sein Lebensende. Al Chazârî, das philosophische Werk Halevis, mit dem er sein Leben beschloß, zeigt denselben Haß gegen die Spekulation, dieselbe Verachtung plappernder Gottesverehrung, denselben Glauben an die prophetische Schau des „inneren Auges“, wie Gazzâlî ihn gelehrt hatte. –

Aber noch eines war es, was Jehuda Halevi über Wasser hielt: Das war das naive Selbstbewußtsein, die köstliche Gabe des Genies. Er fühlte sich als „Siegelring seiner Zeit“ berufen, ihr den Stempel aufzudrücken. Zwar hatte sie ihn fortgeworfen, aber er blieb doch das Siegel. Er war „der Riese, der sich unter Zwerge beugen muß“, aber doch Riese blieb. Er war „der Löwe unter den Dichtern“, den es ekelt zu dichten, weil im Weinberg der Poesie „sich die Füchse breit machen“.