So kam er schließlich dahin, daß er sich vollständig zu verlieren drohte und an das Glück nicht einmal zu glauben vermochte, wenn es an seinem Halse lag. Es kamen frohe Stunden, Stunden der Liebe, der Freundschaft, der Anerkennung, der materiellen Sicherheit. Da wußte er sie nicht zu genießen: „Nur wenn es mir schlecht geht, bin ich stark,“ so klagt er, „und zittere, wenn mir das Glück lächelt; denn morgen wird es nicht mehr sein.“ Oft war er nahe daran, seinen Jammer zu vergessen und sich des Heute zu freuen, das so schön war und so voll Trostes, da traf es ihn plötzlich wie ein Stich in die Brust: Alles Lüge, alles Lüge! „Die Welt will mich einlullen, ihr Elend zu vergessen. Fast gelingt es ihr. Aber ich kenne ihr schlimmes Tun, ich kenne es.“ Sein ursprünglich heiteres Gemüt war verdunkelt. Seine Seele war müde geworden.
Und doch sollte die Verzweiflung ihn nicht haben. In seiner schlimmsten Zeit scheint es gewesen zu sein, als ihm die Persönlichkeit Gazzâlîs entgegentrat und ihm den Rückweg zu sich selber zeigte. Hier war einer, der all das für verachtenswert erklärte, was ihm selbst, Jehuda Halevi, versagt war, all das für ewigen Reichtum, was er bei sich trug. Einer, der die Eitelkeit alles Irdischen, die Hohlheit des Lebens, die Nichtigkeit des Denkens an sich selber erlebt hatte. Und dem aus dem Chaos der Triebe, Wünsche, Sehnsuchten, aus den Trümmern, die er, selbst geschlagen, nur ein einziges Wertvolles sich gesondert hatte, ein Diamant unter den Scherben seines Lebens: Die Seele. Die Seele, die aus Gott kam, zu Gott will, in Gott ist. Jehuda Halevi fand sich in Gazzâlî wieder. Der brachte ihm den Sieg über sich selbst, die Begründung seiner Religion fürs ganze Leben. Der Einfluß ist unverkennbar. Jene geheimnisvollen Lieder Jehuda Halevis an die Seele sind ein tiefgehender Beweis. Es ist dieselbe vibrierende Stimme, die aus ihnen und dem religiösen Bekenntnis des arabischen Meisters spricht. Das Leben ein Traum, ein Erwachen der Tod, aber die hingegebene Seele findet den Weg zu ihm schon vor dem Tode, vermag sich selbst die Pforten aufzubrechen, den Kelch sich zu füllen aus dem Brunnen der Ewigkeiten. O Seele, du liegst im Sarge deiner Sinne, du moderst bei Lebzeiten, wenn du die Welt nicht zu verachten vermagst. Wirf hin, was du hast, so hast du ewigen Reichtum. Laß hinter dir die Erde, steig empor zu ihm, zu seinem Throne, siehe, er kommt dir entgegen, sein Geheimstes vermagst du zu schauen:
Wer kündet uns das Weben,
Das alle Wolken treibt,
Das tief verhüllte Leben,
Das ewig droben bleibt?
Und doch will er sich neigen
Dem Kinde dieser Welt
Und läßt sein Leuchten steigen
Hinab aufs Erdenzelt.