Jetzt war kein lebendes Wesen mehr zu sehen und kein Werktagslaut störte die Feierstille... Ach wie ihm das wohl that, sogar der kritzelnde Ton der Feder, die er Jahr um Jahr führte, schwand aus seiner Erinnerung ob dieser tiefen, sänftigenden, erhabenen Lautlosigkeit... Er hielt wieder inne und blickte aber nimmer zurück, ein klein wenig nur schaute er in sich selbst hinein mit festgeschlossenen Augen, dann aber sah er hinaus in die Landschaft... Mit einmal trug der Frühlingswind aus der Ferne leise Töne herüber, und da regte sich auch plötzlich auf einem grünen Fleck vor einem der Schuppen etwas Feuerrothes, Kleines, Rundes. Der „einsame Spatz“ schaute nachdenklich-prüfend auf den beweglichen Gegenstand, der noch am meisten einem rothen Bündel glich, und dann schritt er schneller aus, doch je näher er kam, desto hastiger hüpfte das Bündel in die Höhe, sprang hin und her, fuchtelte mit zwei Enden wie abwehrend und schrie ganz erbärmlich. Ein großer graugefleckter Hund, der alle vier Beine regellos herumschleuderte und seinen plumpen Kopf übermüthig nach rechts und links stieß, trabte und torkelte um den kreischenden Knäuel und wollte spielen, denn als der Mann seine Brille hervorholte, entdeckte er, daß er da ein kleines Mädchen vor sich habe, welches in ein großes grellrothes Umschlagetuch so eingeknotet war, daß es einem Bündel glich. Die Kleine zeterte geängstigt und wehrte den jungen Hund mit einem gleichfalls unförmlichen Etwas, das sie in der Hand hielt, ab. Als der Schreiber dem Kinde zu Hilfe eilte, machte der Hund noch ein paar täppische Sprünge, bellte in’s Blaue hinein, als ob er eigentlich lachte, und rannte davon.

„Bäh-äh-ääh!“ schrie das Kind aus vollem Halse und hielt das Etwas noch immer so hoch hinauf, als es anging.

„Sei stille. Der Hund ist fort. Komm her. Es geschieht Dir nichts!“

„Bäh-äh-ääh!“ heulte es hinter dem rothen Tuch, das auch über das Köpfchen gezogen war, hervor.

Der „einsame Spatz“ hatte sich niedergebeugt und trocknete mit seinem sorgsam gefalteten Taschentuche die nassen Wangen der Kleinen und zog dann ihren runden Arm herab, der auch ihm krampfhaft das vorenthielt, was nach den Begriffen des Kindes eine Puppe war.

„Lasse mich doch Deine schöne Puppe ansehen,“ schmeichelte er, doch als er dieses kunstreiche Ungethüm in der Nähe sah, lachte er so hell auf, daß die Kleine mitten in ihrem Jammer stecken blieb. Zuerst schaute sie verdutzt drein, dann hub sie an zu blinzeln und endlich kicherte sie lustig mit.

Sie war aber auch eine merkwürdige Erscheinung, diese Puppe... Auf irgend einen zerschlissenen Leinwandlappen hatte jemand Heu und Papierschnitzel gehäuft, die vier Enden zusammengenommen, fest zugeschnürt und dann mit Theer (es roch danach) vier schwarze Striche daraufgeklext, welche, schwerverständlich, Augen, Mund und Nase vorstellen sollten. Dieser Ball, welcher beinahe größer war, als der Kopf des Kindes, war auf ein Stück spanisches Rohr gebunden und somit auch zugleich der schlanke Leib dieser merkwürdigen Menschennachahmung hergestellt. Um noch ein weiteres für die Formenschönheit zu thun, war eine Spanne unter dem Kopfe ein ausgehöhltes Hollunderrohr in Kreuzform befestigt, und bildete so, da es kürzer war als das spanische Rohr, zwei ausgespreizte Arme. Die Bekleidung dieser Puppe bestand aus den bescheidensten Resten eines Kinderhemdes.

Der Mann beschäftigte sich beinahe neugierig mit dem fragwürdigen Spielzeug, und dadurch gewann er sich auch das Zutrauen des Kindes.