„Du?“ spottete Einer; „bist Du vielleicht beim Laternenanzünden auch ein heimlicher Künstler?“

„War’s! — mich hätt’ sollen mein Herr Vater zum Sänger lernen lassen, ich hab’ eine Stimm’ g’habt, daß der Stall zittert hat, und die Pferder vor der Schwadron scheu worden sein, wenn ich gesungen hab’! — Und was bin ich g’worden? — Laternenanzünder! Braucht dazu der Mensch eine schöne Stimm’?“

„Och God! och God! was in dem Mann alles gesteckt ist,“ jammerte seine runde Frau und rang verzweifelt die Hände.

Er machte eine beruhigende Bewegung nach ihr hin und sagte dann tröstend: „Aber unser alter Geiger, der ist was, der hat eine „Crimineser“. Der kann was! Das haben schon gescheidtere Leut’ gesagt, als wir alle miteinander sind, und der alte Herr wird schon wissen, was der „einsame Spatz“ inwendig ist.“

Der Laternenanzünder behielt in der That Recht; der alte Musikant wußte wirklich seit jenem Ostermontag, wie es in der Seele des Schreibers aussah... Er wußte, daß es gewisse Tage giebt, an welchen gewisse Menschen aus ihrem Geleise kommen und nichts Klares mit sich anzufangen wissen. Entweder scheint ihnen da die Sonne zu hell in ihre dunkle Stimmung, oder der trübe Tag legt sich bleischwer auf ihr Gemüth, oder der Wind trägt ihnen Töne aus verwehten Zeiten heran und raunt ihnen zu, was sie vor Jahren genau an diesem Tage und genau zu derselben Stunde geträumt, gehofft, gefühlt und versäumt haben, und dazwischen läuten plötzlich die Glocken allerwärts, sogar aus dem versunkenen Vineta herauf klingen sie und mahnen... mahnen... mahnen...

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Feiertage werden solche Tage genannt, das gewöhnliche, eintönige Arbeitsleben ist gestaut, wie sollte da der Gewohnheitsmensch nicht stutzig werden? Und wenn es nun gar Frühling ist und Ostern!... Ach, da ist ja die ganze Luft erfüllt von einer thörichten, weichen Sehnsucht, die gewissen Leute athmen sie ein und hauchen sie aus und gehen mit empfindlich geschärften Sinnen in den Frühling hinein... Erst wenn die Glocken verstummen und der Tag verblaßt, sind sie wieder so verständig, wie es sich für zweibeinige Dutzendwaare und für die Werkeltage des Lebens schickt.

Zum Glück giebt es nicht viele solche gewisse Menschenkinder, die vielleicht unentstandene Künstler sind, in deren Seelen an solchen Tagen die Schatten der Schöpfungen spuken, die nicht lebendig werden durften, die aber dennoch Gewalt haben, wenn die Stunde schlägt, und den Einsamen zwingen, weit hinaus zu laufen, von den Glocken und Menschenstimmen weit weg...

Der Advokatenschreiber, der am Ostersonntag hinausging vor die Stadt, war wirklich solch ein sonderbares Geschöpf. Zuerst nahm er seinen sauberen glatten Hut ab, lockerte mit fünf Fingern die flach niedergebürsteten Haare, so daß sie beinahe gefällig um die freie Stirn flatterten, dann nahm er vorsichtig die Brille ab und steckte sie behutsam in ihr Futteral, nun öffnete er langsam Knopf um Knopf an seinem festanliegenden Rocke, zog seinen knappen weißen Hemdkragen weiter auseinander, machte ein, zwei tiefe Athemzüge und schritt dann mit vorgestreckter Brust rasch hinaus durch die breite Allee... Je weiter er hinauskam zwischen den alten knospenden Bäumen, desto stiller wurde es um ihn, nur abgedämpft schwammen die Glockenstimmen durch die laue Luft ihm nach. Rechts und links auf den Feldern war die Saat schon handhoch aus dem Boden und stand so gleichmäßig und frisch da wie kostbarer grüner Sammet, und die Sonne schaute hellleuchtend herab auf diese junge Pracht. Sogar ein ganz kleiner Schmetterling mit blauen Flügeln, der viel zu früh erwacht war, flatterte wie ein bewegliches Veilchen zuerst über ein Stücklein Feld und dann immer einige Schritte vor dem einsamen Manne, der wie im Traum einherging. Ein voreiliger Kastanienbaum war über und über voll grüner Blätter, unter diesem blieb der Schreiber stehen und schaute zurück auf die dunstige Stadt... In den alten Nachbarbäumen hörte er den Frühling hantiren, denn manchmal purzelte eine klebrige leichte Hülse von den hochgeschwellten Knospen, und dann lösten sich die jungen Blätter auseinander gleich winzigen Fächern, langsam, geräuschlos... und doch hörbar für ihn, weil eben der gewisse Tag war...

Weiter, immer weiter wanderte er hinaus, nur hie und da begegnete er Leuten, die sich in Feiertagskleider gesteckt hatten und zum Weine liefen. Es mochte schon viel volle Schenken geben, weil bald kein Menschengesicht mehr zu finden war. Die ausgedehnten Ziegelschlägereien, die auf Büchsenschußweite rechts und links neben der Allee liegen, sahen an dem Tage erschrecklich verödet aus, überall nur die leeren, langgestreckten Trockenschuppen, dazwischen niedere festzugeschlossene Arbeitshäuser und jeweilig ein Ziegelofen, der mit seinem hohen Schornstein zum Himmel zeigte.