Das half aber alles nichts; ob man von ihnen fordern könne, daß sie einen Namen aussprechen sollen, an dem man sich die Zunge bricht, frugen die Weiber; „er bleibt der einsame Spatz, denn wo auf Gottes Erdboden giebt es einen Christenmenschen, den man buchstabiren muß?“ schrie die Frau Dunkel, „nimmt der Nam’ ein End’?“

„Vir-gi-li-us Stra-mir-is-kooo! hat kein End’, was?“

„Einsamer Spatz, halt!“ rief die Hausfrau, und dabei blieb es bis an sein Lebensende, diese Bezeichnung mochte den Frauen als die passendste erscheinen für den einsamen Mann, der sich nie um Weibsleute kümmerte.

Das war darum auch ein Köpfezusammenstecken, als er am Ostermontag Vormittag dem alten Musikanten eine Art Staatsbesuch machte, denn er hatte sogar seinen schwarzen Frack mit den kurzen Aermeln und langen Schößen angelegt. Die „blaue Gans“ war in ungewöhnlicher Bewegung, als nach dem Besuche die beiden Männer die Treppe herabkamen und an den Fliederbüschen hin- und herwandelten, in ein leises Gespräch vertieft.

Nachdem er einmal einen Nachbarn besucht hatte, wurde ihm schon von den Uebrigen mehr Aufmerksamkeit bewiesen, selbst die Frauen sagten nachsichtig:

„Er ist halt nicht gegen alle Leut zuthätig. Wer weiß, was ihm ein Frauenzimmer angethan hat. Na ja! — Es giebt genug Nichtsnutzige. Es kann ihm allerhand passirt sein und darum bleibt er allein.“

Ferner sahen die Frauen plötzlich, daß niemals ein Hut und ein Rock von ihren Männern am Sonntag so sauber geputzt sei, wie der des Schreibers an jedem Werktage, daß keines Menschen Haare so glatt gebürstet als die seinen, daß niemals Stiefel so blank gewichst waren und keines Mannes Vorhemden und Manschetten so fleckenlos wie die des einsamen Spatzen seien, und darauf verstanden sich besonders die Waschfrauen, die ja allzeit das große Wort führten. Kurz, seit dem Besuche bei dem Musikanten war ein günstiger Umschwung der Meinungen eingetreten, der sich immer breiter machte, denn sogar die Kinder machten dem Schreiber ihren besten Knix, seit sie die Großen so milde von ihm reden hörten.

Der alte Musikant, der unter den rüstigen Handwerkern des abgeschlossenen Kreises, ja noch über die „blaue Gans“ hinaus, der einzige Vertreter der Kunst war, hatte also doch Recht behalten, als er in seiner, immer über die Ausdrucksart der Nachbarn erhabenen Redeweise, ihnen den Einsamen näher zu rücken versuchte.

„Er ist vielleicht ein heimlicher Künstler,“ vollendete der Laternenanzünder die Erklärung des Musikanten. „Warum malt er alleweil was in sein Büchel mit dem Bleistift? — Warum zeigt er’s nicht her? Weil gewisse Leut’ gewisse Sachen haben, das weiß ich am besten.“