Jeden Morgen mit dem Glockenschlage sieben ging er durch den langen Hof der „blauen Gans“, denn er wohnte im Hinterhause bei einem Kutscher in einer geräumigen, hellen Kammer.
Er war schon durch Jahre Schreiber bei ein und demselben Advokaten; das wußten die Nachbarn, aber Keiner konnte unterscheiden, ob der Mann alt oder jung sei. Er war sich gleichgeblieben dem äußeren Ansehen nach, seit er sich in der „blauen Gans“ eingemiethet hatte; das blonde Haar hatte fast dieselbe Farbe wie das bleichblonde Gesicht, seine Augen, die immer hinter einer goldenen Brille staken, waren weder blau noch grau, nur auf den Wangen hatte er je eine einzige Furche, wie sie selten bei einem Menschen zu sehen ist, denn sie zog sich scharf von dem äußeren Augenwinkel nieder und verlief am Halse in einen feinen Strich. Diese Furche gab dem Gesicht einen befremdlichen Ausdruck, weil es sonst ganz glatt und zart in der Farbe war, nur der eine Riß machte es eben, daß die Leute sein Alter nicht bestimmen konnten.
Der Mann mußte ganz allein auf der Welt stehen, denn nie suchte ihn Jemand auf, nie that er etwas dazu, sich an irgend eine Menschenseele anzuschließen, mit dem Glockenschlage sieben ging er am Morgen zu seiner Thüre hinaus, und wenn es Abends sieben Uhr schlug, hatte er die Klinke in der Hand und schritt in seine Kammer. Er grüßte und dankte höflich, und redete an Sonntagen und Feiertagen sogar einige Worte, wenn er heimkam, jedoch nur mit den Männern... Er saß auch öfter eine halbe Stunde lang in der Dämmerung vor dem Hausthore bei dem großen Stein und beobachtete die Kinder, wenn sie spielten oder sangen, an hohen Feiertagen rauchte er in langsamen Zügen lange an einer Cigarre. Den Rauch blies er in kleinen Wölkchen von sich, und hüstelte wie ein junges Mädchen, das heimliche Rauchversuche anstellt.
Sein ganzes Gehaben war bescheiden und still, aber nicht verschüchtert-demüthig. Ein ernstes „Sichselbstgenügen“ nannte es der alte Musikant, der oben in dem kleinen Aufbau wohnte. Der Advokatenschreiber sprach genau nach der Schrift, das wußten auch die Kinder zu beurtheilen, die ihn darob manchmal gar nicht verstanden. Mit dem Nachwuchs der „blauen Gans“ redete er noch am meisten, jedoch nur, wenn die Kinder allein waren und nicht gescholten, geneckt oder gehätschelt wurden von den Alten. Da saß er neben dem Steine vor dem Thore, blickte frohsinnig in das Kindergetriebe, sprach in seiner halblauten Weise zu den Kleinen und streichelte mit seinen weißen, zarten, faltenlosen Händen ihre erhitzten Gesichter, oder er nahm ein steifes Taschenbuch heraus, spitzte die Bleifeder und begann zu zeichnen, und wer ihm über die Achsel guckte, konnte alle Blätter voll Kinderköpfchen sehen. Wenn er das Buch schloß und einsteckte, liefen die kleinen Rangen lärmend zusammen, denn sie wußten, daß er ihnen insgesammt eine tiefe Verbeugung machte und heimkehrte. Wenn er ihnen den Rücken zuwandte, versuchten sie alle diesen vornehmen Gruß nachzuahmen, aber die biegsamen Körper purzelten auf die Erde und krabbelten sich lautlos wieder zusammen, weil sie sich nicht mehr zu lachen getrauten, seit der Laternenanzünder ihnen seine bekannt rasche und schwere Hand gezeigt hatte und ihnen vertraulich mittheilte:
„Wer dem „einsamen Spatz“ noch einmal nachmacht und ihn auslacht, kriegt von mir Schopfbeutler.“
Der „einsame Spatz“... Die Weiber im Hause hatten ihn so getauft, weil sie sich seinen Namen, Virgilius Stramirisko, nicht merken konnten.
„Hinter dem muß ein rechter Menschenfeind stecken,“ sagte die sehr lebhafte Frau Dunkel und schielte dem Schreiber nach, als er gemessenen Schrittes seinem Heim zuging, die Frau Huber aber meinte:
„Ah, bah! Menschenfeind! — Wer die Kinder und die Viecher gern hat, ist kein Menschenfeind.“
„Und reden thut er so schön Hochdeutsch wie unser Herr Lehrer,“ machte die Liese den andern Kindern begreiflich.