Da waren sie nun, die vergessenen Zeiten und die geliebten Menschen. Lange schon schlief die kleine Veronika für immer, er aber hat sich doch nimmer zusammenraffen können seit ihrem Tode... Damals war er ein junger Akademiker und träumte davon, ein großer Maler zu werden, damit seine Schwester es recht gut haben könne; er zeichnete und malte, und ihr liebes, feines Gesichtchen kam immer und immer wieder auf Leinwand und Papier, wenn er einen Engel malen wollte. Die kleinen Ersparnisse der todten Eltern verbrauchte er für die Schwester und für seine Studien, doch als er sein erstes Bild für die Ausstellung malen wollte, erkrankte das Kind. Er warf den Pinsel beiseite und saß Tag und Nacht an dem Krankenbette, und als der Tod kam und die kleine Veronika an seine eisige Brust drückte, da ließ Virgil den Pinsel liegen und ging vom Friedhofe hinweg in die weite Welt. Seine wenigen Bekannten sprachen sich abfällig aus über den Schwärmer, der seinen ganzen Lebenszweck, sein ganzes Ziel und Glück auf die arme Karte eines zarten Kinderlebens gesetzt hatte, und die Menschen mied, weil sie ihm nicht ersetzen konnten, was er verloren an dem kleinen, schwachen, liebereichen Mädchen........

Alle diese Erinnerungen und Gedanken hatte der Name aufgerüttelt, und nun trug der Wind neue herüber... und aus der Tiefe klangen sie herauf, die Glockentöne des versunkenen Glückes... und große Tropfen fielen auf das dunkle Gesicht des Kindes....

Veronika regte sich im Schlafe, ließ die Puppe sinken und legte ihre Aermchen um den Hals des Mannes, und ihr Herz pochte ruhig und gleichmäßig an einem sehnsuchtsvollen, schnellschlagenden Herzen. So saßen die zwei wildfremden Menschen eng aneinander gepreßt in der Dämmerstille, bis der Tag verblaßt war und die Glocken verstummten...

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„Tausend und tausendmal vergelt’s Gott!“

Ein stämmiges Weib rief das dem Fremden zu, der ihr Kind in den Armen hielt. Sie kam die Allee herabgehastet und war athemlos. Hinter sich zog sie einen Mann her, dessen Hand sie wie in einen Schraubstock geklammert festhielt, und um den sie sich weiter nicht viel kümmerte. Der Mann stolperte gleichmüthig durch dick und dünn, nur wenn sie rascher vorwärts lief, langte er mit der freien Hand nach seiner Mütze und zog sie tiefer in die Stirne. Er spitzte nachsinnend die Lippen und pfiff abgebrochen, als ob er über etwas ernsthaftes grübelte. Als die Beiden ziemlich nahe bei dem Fremden standen, ließ die Frau ihren unsicheren Eheherrn los, sie warf ihm einen fragenden Blick zu, den er damit beantwortete, daß er die Beine nach Matrosenart weit auseinanderspreizte, um mehr Festigkeit zu bekommen; trotzdem aber schwankte sein Oberkörper bedenklich rückwärts und vorwärts.

Das junge Weib nahm ihr Kind behutsam aus den Armen des freiwilligen Hüters und erklärte mit einer Kopfwendung gegen ihren Mann, halb anklagend und halb entschuldigend:

„Er war nicht zum Weiterbringen, der Meinige, ich hab’ ihn aus dem Wirthshaus holen müssen, sonst wär er erst in der Früh’ heimkommen. Wie so eine Zeit kommt, wissen Sie, ist er ein ganz anderer Mensch, er hat so seine gewissen Tag’!“

Der Angeklagte pfiff in etwas höheren Tönen harmlos weiter, als ob von einem Anderen die Rede wäre, er war hauptsächlich damit beschäftigt, seine Füße zu beobachten.